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Carmen Reuter sitzt nachdenklich an ihrem Schreibtisch, den Stift in der Hand

Sich für alles verantwortlich fühlen: Warum du es wichtig finden darfst, ohne es zu tun

Ich würde es niemals NICHT tun … das ist doch das, was man von uns erwartet
Doch ja – allein ist es eine Menge.

Über diesen Satz einer Frau bin ich gestolpert: sie 51 Jahre alt, Personalleiterin, alleinerziehend, daneben kümmert sie sich um ihre Mutter, die dement ist.
Der Satz ist mir aufgefallen, weil er nach Verpflichtung und Überlastung klingt UND gleichzeitig nicht in Frage gestellt wird. Es ist einfach eine Selbstverständlichkeit: Da beschwert sich niemand. Da verhandelt niemand. Da steht eine Entscheidung, die nie bewusst getroffen wurde.

Dann kommt der zweite Teil, fast entschuldigend hinterhergeschoben: Doch ja – allein ist es eine Menge. Die Last kommt bei ihr vor. Nur eben erst nach dem „doch“.

Und ich höre ähnliches viel zu häufig von den Gerne- und Viel-Leisterinnen, mit denen ich arbeite.
Die meisten Frauen, mit denen ich arbeite, können übrigens Nein sagen.
Wirklich!

Sie sind klug, sie sind erfahren, viele von ihnen führen Teams und treffen den ganzen Tag Entscheidungen, die andere sich nicht zutrauen. Das Problem ist ein anderes: Bei bestimmten Dingen kommt es gar nicht erst zur Frage. Zwischen „Ich sehe, dass da etwas zu tun ist“ und „Ich mache das“ liegt bei ihnen kein Moment des Überlegens. Da liegt nur ein reflexartiges in Aktion springen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Das Problem ist selten das Nein. Das Problem ist, dass die Zuständigkeit gar nicht erst geprüft wird.
  • „Wichtig“ und „meine Aufgabe“ sind zwei verschiedene Dinge. Sie vermischen sich nur.
  • Zuverlässigkeit zieht Aufgaben an. Je besser du etwas kannst, desto größer wird dein unsichtbarer Zuständigkeitsbereich.
  • Zwei Wörter verraten dir, dass du gerade nicht geprüft hast: „nur“ und „natürlich“.
  • Wer die Konsequenz sieht, hält sich automatisch für zuständig, sie zu verhindern. Genau da liegt der Denkfehler.

Diesen in Aktion-springen-Reflex kenne ich gut. Aus meinem eigenen Leben, und aus vielen Coachings, die ich führe.
Zum Beispiel aus diesem hier:

Rita ist Mitte 50, ihr Vater bald 90. Noch immer muss er nur die Stirn runzeln, und sie stellt sich und ihre Ideen in Frage. Wenn er etwas will, macht sie es möglich. Nimmt sie sich vor, dieses Mal standzuhalten, wird er laut und schimpft über ihre Undankbarkeit. Dann rudert sie zurück. Und ärgert sich hinterher über sich selbst. (Name und Details geändert.)

  • Ist sie finanziell von ihm abhängig? 
  • Ist er der einzige Mensch in ihrem Leben? 
  • Hat er nur sie, die ihn unterstützen kann?

Dreimal Nein.

Rita hat einen anspruchsvollen Beruf und führt ihr Team erfolgreich. Ihre Kinder sind längst ausgezogen und kommen trotzdem oft. Ihre Ehe ist gut, ihr Mann unterstützt sie. Der einzige Streitpunkt zu Hause: Wenn ihr Vater pfeift, springt sie.

„Du hast doch zwei Brüder, die können sich auch kümmern.

Können sie. Sie tun es nur nicht. Der Kontakt zum verwitweten Vater beschränkt sich bei beiden auf das Allernötigste, und Ritas Bitten um Unterstützung sind abgelehnt worden, mit zwei Sätzen, die ich mir gemerkt habe:

  • Sie hätten zu viel zu tun.
  • Und sie wisse doch viel besser, was er brauche.

Rita versteht das Problem vollständig. Sie weiß, dass sie Nein sagen könnte. Nur innerlich gibt es diese Möglichkeit trotzdem nicht: Sie ist die, die umsetzt. Die, die Probleme löst.

Wenn du diesen Artikel gefunden hast, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass du Ritas Innenwelt erkennst.
Von dir selbst. Diese Mischung aus Können, Mitdenken und Anstand, also aus lauter Dingen, die man dir eigentlich hoch anrechnen sollte, die nur leider auch gerne ausgenutzt wird.

Es geht in diesem Artikel deshalb nicht darum, dass du weniger fürsorglich wirst. Es geht um einen einzigen fehlenden Prüfschritt. Und um den Satz, um den sich am Ende alles dreht:

Du darfst etwas wichtig finden, ohne es zu deiner Aufgabe zu machen.

Sich für alles verantwortlich fühlen: woher das kommt

Der Mechanismus ist erstaunlich schlicht. Er läuft in drei Schritten ab, und die ersten beiden sind völlig in Ordnung:

  1. Ich sehe eine Lücke.
  2. Ich könnte sie schließen.
  3. Also sollte ich.
Ablauf in vier Feldern: Ich sehe eine Lücke, ich könnte sie schließen, also sollte ich. Dazwischen fehlt die Frage: Bin ich dafür zuständig?

Schritt drei ist der, der nicht stimmt. Er folgt logisch überhaupt nicht aus den ersten beiden. Aber er fühlt sich an, als würde er es tun, und deshalb bemerkt man ihn nicht. Etwas zu bemerken, macht es noch nicht zu deinem Problem.

Dass daraus ein Dauerzustand wird, liegt an einer Kleinigkeit: Es reicht schon, gebraucht werden zu können. Dieselbe Frau aus dem Interview sagt es an einer Stelle so:

„Du kannst dein eigenes Leben bis zu einem gewissen Grad gar nicht aufbauen, weil du ständig das Gefühl hast, gebraucht werden zu können.“

Das ist etwas anderes als gebraucht werden. Sie sagt nicht, dass ständig jemand anruft. Sie sagt, dass die bloße Möglichkeit reicht, um sie in Bereitschaft zu halten. An anderer Stelle: „Ich fühle mich, als wäre ich immer auf Abruf.“

Auf Abruf zu sein kostet keine Zeit. Es kostet die Fähigkeit, etwas anderes ganz zu tun.

Überverantwortlichkeit: wenn aus Mitdenken Zuständigkeit wird

Es gibt einen Fachbegriff dafür: Überverantwortlichkeit. Manche sprechen auch von Überverantwortung oder von einem übersteigerten Verantwortungsgefühl. Gemeint ist immer dasselbe Muster:
Du fühlst dich für Dinge zuständig, für die du sachlich nicht zuständig bist, für Aufgaben, für Abläufe, oft auch für die Stimmung und die Gefühle anderer Menschen.

Der Begriff hilft, weil er eine Sache klarstellt: Es geht nicht um zu viel Verantwortung. Es geht um falsch verteilte Verantwortung. Wer überverantwortlich ist, trägt selten zu schwer an dem, was wirklich seins ist. Er trägt zusätzlich das, was anderen gehört.

Wenn du zu dem Thema liest, landest du schnell bei der Parentifizierung: bei Kindern, die früh Aufgaben oder Rollen ihrer Eltern übernommen haben, Trösten, Vermitteln, Organisieren, Funktionieren. Das ist ein wichtiger Strang, und für viele der Frauen, mit denen ich arbeite, erklärt er tatsächlich einen großen Teil. In meinen Kursen kommt dieses Muster regelmäßig zur Sprache, auch ohne dass wir das Wort benutzen.

Nur greift es mir allein zu kurz. Denn Überverantwortlichkeit entsteht nicht nur in der Kindheit. Sie entsteht auch mit 34 im ersten Team, das du übernimmst. Mit 41, als du die Einzige warst, die den Prozess wirklich verstanden hat. Mit 52, als deine Eltern älter wurden und einer anfangen musste, schwere Entscheidungen zu treffen.

Du bist nicht so. Du hast dich so entwickelt. Und zwar nicht an einem einzigen Punkt, sondern in vielen kleinen Momenten, in denen es sinnvoll war, dass du übernimmst, und in denen niemand danach noch einmal geprüft hat, ob es das immer noch ist.

Besprechung am Konferenztisch: eine Frau mittleren Alters bekommt vom Kollegen einen Stapel Unterlagen gereicht, während die anderen zusehen

„Sie kann es doch besser“

Zurück zu Rita und den zwei Sätzen ihrer Brüder.

Der erste ist eine Aussage über Kapazität: Wir haben zu viel zu tun. Darüber ließe sich streiten, aber immerhin ist es eine ehrliche Absage. Achtung: niemand fragt, wie viel Rita zu tun hat.

Der zweite ist der interessante: Du weißt doch viel besser, was er braucht. Der Satz klingt wie ein Kompliment. Er ist aber eine Zuweisung, und zwar eine besonders elegante, weil sie sich schwer ablehnen lässt, ohne dass Rita sich selbst kleinredet.

Vor allem stimmt er sogar. Rita weiß tatsächlich besser, was ihr Vater braucht. Sie weiß es, weil sie es seit Jahren macht. Ihre Kompetenz ist nicht der Grund für die Arbeitsteilung. Sie ist ihr Ergebnis.
Das Argument dreht sich also im Kreis: Sie ist zuständig, weil sie es besser kann, und sie kann es besser, weil sie zuständig ist.

Die Gegenprobe liefert ein anderer Fall einer Klientin. Auch dort eine Frau um die 50, auch dort Elternpflege, auch dort zwei Brüder, ein Bruder vor Ort.
Nur lautet die Begründung diesmal anders: Er ist Direktor, sie ist beruflich (nur) Abteilungsleiterin und arbeitet (nur) 70%. Ihre beiden Kinder gehen noch zur Schule, das ist ihr wichtig und sie ist sehr engagiert. Da habe sie doch mehr Zeit als er.

Dann gibt es noch einen zweiten Bruder, Mechatroniker in einem großen Automobilzulieferer, also der mit den festen Arbeitszeiten und der 35-Stunden-Woche. Trotzdem landet die Aufgabe auch nicht bei ihm.

Kreisdiagramm: Sie ist zuständig, weil sie es besser kann, sie kann es besser, weil sie zuständig ist. Kompetenz als Ergebnis der Zuständigkeit, nicht als ihr Grund.

Damit fällt auch dieses Argument in sich zusammen. Wenn wirklich der Rang entschiede, müsste der Mechatroniker übernehmen. Tut er nicht.

Einmal Kompetenz, einmal Rang. Zwei völlig verschiedene Begründungen, und beide Male dasselbe Ergebnis: Es bleibt bei ihr. Das ist der Hinweis darauf, dass die Begründung nie der Grund war.
Niemand hat das je beschlossen. Es ergibt sich.
Hinterher findet sich immer ein Argument, warum es sich genau so ergeben musste.

Zu viel Verantwortung übernehmen: warum ausgerechnet die Zuverlässigen ständig zuständig werden

Hier kommt der Teil, der ungerecht ist

Aufgaben verteilen sich nicht nach Zuständigkeit. Sie verteilen sich nach Wahrscheinlichkeit. Sie gehen dorthin, wo sie am sichersten erledigt werden. Und das ist die Person, die mitdenkt, die vorausschaut, die Dinge zuerst bemerkt und die man nicht zweimal erinnern muss.

Es ist eine Beobachtung aus meinem eigenen Leben und aus der Arbeit mit meinen Klientinnen, und sie gilt so verlässlich, dass ich sie inzwischen als Satz formuliert habe:

Kompetenz erzeugt Zuständigkeit.

Nicht formal. Niemand schreibt dich irgendwo ein. Aber praktisch: Wer etwas gut kann, wird gefragt. Wer gefragt wird und Ja sagt, wird wieder gefragt. Wer zweimal Ja gesagt hat, wird beim dritten Mal nicht mehr gefragt, sondern eingeplant. Irgendwann wird aus zuverlässig offenbar jederzeit verfügbar. Selbstverständlich verfügbar.

Am Ende ist es keine Aufgabenverteilung mehr, sondern eine Beschreibung der Person. Ritas Satz lautet nicht „Ich habe das übernommen“. Er lautet: Ich bin die, die es umsetzt. Gegen einen Satz über sich selbst lässt sich schlecht Nein sagen.

Eine Teilnehmerin meines Kurses hat das einmal so beschrieben, und sie hat es lachend gesagt, was es nicht harmloser macht:

„Es ist ja ein Stück weit auch wie eine Sucht, dass alle sagen: Oh, da musst du zu ihr gehen, die kann dir helfen.“

Genau das ist der Punkt, an dem es kippt. Der Satz „Frag doch mal sie“ ist ein Kompliment. Und er ist gleichzeitig eine Zuweisung. Beides zusammen ist schwer abzulehnen, weil man mit dem Nein zur Aufgabe scheinbar auch das Kompliment zurückgibt.

Muss man aber nicht. Zuverlässigkeit ist keine Bereitschaftserklärung für Zusatzaufgaben. Du darfst kompetent sein, ohne zur Ausfallversicherung für alle anderen zu werden.

Nach dem Meeting: alle verlassen den Raum, eine Frau bleibt allein mit Laptop, Unterlagen und Notizen am Tisch sitzen

Wenn du an dieser Stelle merkst, dass bei dir noch ein zweiter Antrieb mitläuft, der Anspruch, dass es richtig gemacht wird, und zwar von dir, dann lohnt der Artikel darüber, warum Perfektionisten kein Nein sagen können. Die beiden Muster verstärken sich gegenseitig.

Zwei Wörter, die verraten, dass du nicht geprüft hast

Es gibt zwei Wörter, an denen du dich selbst erwischen kannst. Sie tauchen genau dann auf, wenn die Zuständigkeitsprüfung ausgefallen ist.

Das erste ist „nur“.

„Kannst du nur kurz …“ · „Es wäre nur dieses eine Mal …“ · „Ich muss da nur schnell hinfahren …“

„Nur“ verkleinert die Aufgabe. Es verkleinert nicht die Verantwortung, die daran hängt. Die Fahrt dauert eine Stunde, die Erwartung, dass du fährst, kostet dich mit der Zeit Jahre. Ein einmaliges Einspringen kostet einen Abend. Ein einmaliges Einspringen, das zur Regel wird, kostet die Vorstellung, dass du auch mal nicht kannst.

Das zweite ist „natürlich“.

„Natürlich fahre ich hin.“ · „Natürlich mache ich das.“ · „Natürlich springe ich ein.“

Dieses Wort ist das ehrlichere von beiden, weil es genau sagt, was passiert ist: Es wurde nichts entschieden. Wo „natürlich“ steht, hat gar keine Prüfung mehr stattgefunden. Der Reflex hat geantwortet, bevor du hingesehen hast.
Nur dass „natürlich“, gleichzeitig auch selbstverständlich aktiviert. Dann bekommst du noch nicht einmal mehr ein Danke oder eine Anerkennung für die Übernahme der Aufgabe.

Zwei Karten mit den Warnwörtern nur und natürlich als Selbsttest: nur verkleinert die Aufgabe, nicht die Verantwortung dahinter, und wo natürlich steht, hat gar keine Prüfung stattgefunden

Du musst deshalb nicht aufhören, diese Wörter zu benutzen. Aber wenn du sie hörst, bei dir oder bei jemand anderem, ist das der Moment, in dem sich das Nachfragen lohnt.

Sich für alles verantwortlich fühlen im Beruf

Im Beruf sieht das Muster anders aus als zu Hause, weil es dort besser getarnt ist. Es heißt nicht Fürsorge. Es heißt Engagement.

In der Medizin gibt es dafür einen treffenden Ausdruck: „office housework“, Bürohausarbeit. Die American Association of Women Emergency Physicians beschreibt damit einen Zusatzaufwand, der überproportional bei Frauen landet: emotionale Arbeit, Mentoring, Kümmern, Organisieren, das Fest planen, die neue Kollegin einarbeiten, die Stimmung im Team im Blick behalten. Alles davon ist nötig. Fast nichts davon steht in einer Beurteilung.

In derselben Recherche findet sich eine Ärztin, die schildert, dass sie Dinge drei- oder viermal ansprechen muss, bis ihr zugehört wird, und dass es manchmal erst wirkt, wenn ein männlicher Kollege dasselbe sagt. Als sie ihre Arbeitsbelastung zur Sprache bringt, schlägt ihr Vorgesetzter vor, die Arbeitszeit zu reduzieren.

Lies den letzten Satz gern noch einmal. Sie beschreibt ein Verteilungsproblem der anfallenden Arbeiten. Er hört ein Kapazitätsproblem. Die Aufgaben bleiben, wo sie sind, doch sie bekommt das Etikett: nicht belastungsfähig.

Ein zweiter Fall, den ich aus meiner Arbeit mit Führungskräften kenne: Eine Frau hatte über Jahre nicht nur Verantwortung für ihre Entscheidungen übernommen, sondern zusätzlich dafür, dass sich alle Beteiligten mit diesen Entscheidungen gut fühlen.
Bei jeder strategischen Frage lief in ihrem Kopf ein zweites Verfahren mit: Wie werden die Ranghöheren reagieren? Wer könnte sich übergangen fühlen? Erst spät hat sie den Satz gefunden, der beides trennt: die Gefühle der anderen sind nicht ihre Verantwortung.

Ihre Entscheidung nachvollziehbar zu machen: ja. Dafür zu sorgen, dass niemand sich unwohl fühlt: nicht möglich. Und deshalb auch nicht ihre Aufgabe.

Für den Alltag hilft mir dabei eine einzige Unterscheidung. „Ich möchte nicht helfen“ ist etwas völlig anderes als „Ich möchte nicht jedes organisatorische Loch persönlich stopfen.“
Das Erste würdest du nie sagen. Das Zweite darfst du sagen, und die meisten Frauen, mit denen ich arbeite, sind erleichtert, wenn sie merken, dass die beiden Sätze nicht dasselbe sind.

Ein Wort noch zu einem Begriff, der hier gern auftaucht: Vieles davon wird unter Mental Load verhandelt, also unter der Frage, wer die unsichtbare Organisationsarbeit trägt. Das ist ein eigenes, großes Thema, und ich schreibe dazu einen eigenen Artikel. Hier geht es um die Stufe davor: nicht darum, wie die Arbeit verteilt ist, sondern warum du dich überhaupt für sie zuständig fühlst.

Sich nicht mehr für alles verantwortlich fühlen: vier Prüfsteine

Jetzt der praktische Teil. Es sind vier Fragen, und ihr ganzer Sinn besteht darin, den fehlenden Schritt wieder einzubauen, den zwischen „Ich sehe es“ und „Ich mache es“.

Die FrageWas sie trennt
Ist es wichtig?Bedeutung
Bin ich tatsächlich zuständig?Verantwortung
Bin ich die Einzige, die es tun kann?Alternativen
Was passiert, wenn ich es nicht übernehme?Konsequenzen
Checkliste mit vier Prüfsteinen: Ist es wichtig? Bin ich tatsächlich zuständig? Bin ich die Einzige, die es tun kann? Was passiert, wenn ich es nicht übernehme? Und der fünften Frage: Ist die Konsequenz wirklich meine?

Die erste Frage beantwortest du fast immer mit Ja. Genau darum geht es. Es ist wichtig. Nur muss daraus nicht gleich eine Aufgabe für dich erwachsen.

Eine Warnung gleich vorweg, damit du nicht enttäuscht wirst: Rita hat diese Fragen längst beantwortet. Sie ist nicht finanziell abhängig, sie ist nicht auf ihren Vater angewiesen und er hat noch andere Kinder.
Dreimal Nein, und sie springt trotzdem, wenn er pfeift.
Die Fragen lösen das Gefühl nicht auf. Was sie leisten, ist etwas anderes und trotzdem viel: Sie geben dir eine Antwort, mit der du arbeiten kannst, wenn das Gefühl sofort vermittelt, du seist zuständig.

„Muss es gemacht werden?“ und „Muss ich es machen?“ sind zwei verschiedene Fragen. Wenn du merkst, dass du beide gleichzeitig beantwortest, hast du die zweite übersprungen.

Dann gibt es noch eine fünfte, die wichtiger ist als alle vier zusammen:

Ist die Konsequenz wirklich meine? Bin ich wirklich verantwortlich für die Auswirkungen?

Drei Beispiele dafür, wie das im Alltag aussieht:

  • Ein Kollege gerät unter Druck, weil er zu spät angefangen hat. Daraus folgt nicht, dass du ihn rettest.
  • Ein erwachsenes Familienmitglied vergisst regelmäßig Termine. Daraus folgt nicht, dass du dauerhaft die Erinnerungsfunktion übernimmst.
  • Im Team fehlt Personal. Daraus folgt nicht, dass du das unbegrenzt mit Überstunden ausgleichst.

In allen drei Fällen ist die Konsequenz real. In allen drei Fällen ist sie nicht deine zu tragen. Der Denkfehler liegt darin, dass wir die Konsequenz sehen und uns allein dadurch schon für zuständig halten, sie zu verhindern.

Wenn du an dieser Stelle innerlich hörst: „Ja, aber wenn ich’s nicht mache, macht’s keiner“, dann ist das kein Argument, sondern ein Glaubenssatz. Er lässt sich prüfen und verändern, und wie das geht, habe ich in dem Artikel darüber beschrieben, wie du negative Glaubenssätze auflöst.

Wenn die Konsequenz wirklich real ist

Jetzt der ehrliche Einwand, ohne den mir dieser Artikel zu leicht wäre.

Es gibt Fälle, in denen der Rat „Dann mach es eben nicht“ schlicht nicht funktioniert. Eine Klientin, Ende 50, bei der alles Organisatorische ihres Mannes hängen bleibt: Arzttermine, Papierkram, Versicherungen. Wenn sie die Autoversicherung nicht erledigt, fährt er unversichert. Wenn er nicht zu seinen Kontrolluntersuchungen geht, steigt die Gefahr einer schweren Verschlechterung seines Zustandes.

Diese Frau denkt völlig rational. Sie hat keinen Denkfehler. Die Konsequenz ist real, sie ist ernst, und sie trifft nicht nur ihn.

Trotzdem ist die Frage, die sie sich stellt, die falsche. Sie fragt: „Kann ich das liegen lassen?“ Die Antwort darauf ist Nein, und damit ist das Gespräch zu Ende, bevor es angefangen hat.

Die bessere Frage lautet: „Bin ich dafür zuständig, die Konsequenz zu verhindern?“

Die Antwort darauf ist nicht Ja oder Nein. Sie ist der Anfang eines anderen Gesprächs, das sie noch nie ernsthaft geführt hat: eines darüber, wer künftig welchen Teil übernimmt. Solange sie schweigend rettet, gibt es diesen Anlass nie. Das Unversicherte ist kein Argument dafür, dass sie zuständig ist. Es ist ein Argument dafür, dass jemand es sein muss.

Verantwortung portionieren

Der zweite Ausweg aus dem Alles-oder-nichts: Verantwortung ist teilbar. Das klingt banal, wird aber praktisch fast nie genutzt, weil im Kopf nur zwei Möglichkeiten stehen, ganz übernehmen oder ganz ablehnen.

So sieht die dritte Möglichkeit aus:

  • „Ich übernehme X. Y braucht eine andere Lösung.“
  • „Ich kann heute 20 Minuten helfen. Die Organisation übernehme ich nicht.“
  • „Ich komme mit zum Gespräch. Die Terminplanung bleibt bei dir.“

In der Recherche gibt es dafür ein schönes Beispiel: eine Tochter, 57, die für ihre Mutter Entscheidungen mitträgt und regelmäßig da ist, aber die körperliche Pflege nicht übernimmt. Ihr Satz dazu: „Aber das ist nicht meine Verantwortung.“

Sie zieht sich nicht zurück. Sie hat sich nicht abgegrenzt im Sinne von „Ist mir egal“. Sie hat entschieden, welchen Teil sie trägt. Das ist ein Unterschied, den man von außen kaum sieht und innen sehr deutlich spürt.

Zwei Menschen teilen am Tisch einen Aktenstapel auf und besprechen, wer welchen Teil übernimmt

Warum sich Verantwortung abgeben trotzdem falsch anfühlt

Ich will dir nichts versprechen, was nicht stimmt. Das Gefühl verschwindet nicht mit der Einsicht. Es verschwindet nicht einmal mit der Lösung.

Hör dir an, wie eine Frau von Anfang 60 über ihre Elternpflege spricht:

„Ich werde mich nicht völlig aufopfern, weil ich sichergehen möchte, dass ich Zeit habe, mein eigenes Leben zu leben.“

Ein klarer Satz. Sie hat es geschafft, sie steht dazu, sie kann es formulieren. Und direkt danach sagt sie:

„Ich nehme an, man könnte sagen, dass ich egoistisch bin.“

Sie ist am Ziel, und greift trotzdem noch zum Wort egoistisch. Ich finde diese Wortwahl belastend, denn SO will sie doch auf keinen Fall sein.
Doch: Wenn du dich schlecht fühlst, während du etwas abgibst, ist das kein Zeichen dafür, dass du falsch entschieden hast. Es ist nur die alte Zuständigkeit, die sich meldet und die das falsche Etikett nutzt: egoistisch.
Meine Empfehlung stattdessen: „Ich nehme an, man könnte sagen, dass ich mich AUCH um mich kümmere.“

Ähnlich klingt es bei einer anderen Klientin, die im Konjunktiv um eine Erlaubnis bittet, die ihr niemand geben kann außer ihr selbst:

„Ich habe genug Jahre hier gearbeitet, dass ich das Recht haben sollte, mich ein bisschen zu entspannen …“

„Das Recht haben sollte.“
Nicht „habe“. Sie führt Belege an, genug Jahre gearbeitet, und kommt trotzdem nur bis zum Konjunktiv. Das ist der Punkt, an dem in meinen Kursen die inneren Antreiber zur Sprache kommen: die alten Regeln, nach denen wir großartig darin geworden sind, die Bedürfnisse anderer zu erfüllen, und ziemlich schlecht darin, unsere eigenen überhaupt zu bemerken.

Wie sich das ändern lässt, ohne dass du ein anderer Mensch werden musst, ist genau das Thema meines Online-Kurses Nein sagen ohne Schuldgefühle. Wenn du erst einmal in Ruhe anfangen willst: Hier steht, wie du Nein sagen lernen kannst.

Und wenn du dir aus diesem ganzen Artikel nur einen Satz mitnimmst, dann diesen:

Du darfst etwas wichtig finden, ohne es zu deiner Aufgabe zu machen.

Häufige Fragen zum Verantwortungsgefühl

Warum fühle ich mich immer für alles verantwortlich?

Weil zwischen „Ich sehe, dass etwas zu tun ist“ und „Ich mache es“ ein Prüfschritt fehlt. Wer mitdenkt, bemerkt Lücken zuerst, und wer sie zuerst bemerkt, hält sich automatisch für zuständig, sie zu schließen. Dazu kommt der Verstärker: Zuverlässige Menschen werden häufiger gefragt, und aus wiederholtem Gefragtwerden wird stillschweigend eine Erwartung. Formal hat niemand dir diese Zuständigkeit gegeben. Praktisch hast du sie.

Warum fühle ich mich immer für alles schuldig?

Schuldgefühle entstehen dort, wo du glaubst, gegen eine Verpflichtung zu verstoßen. Wenn du dich unbemerkt für sehr viel zuständig fühlst, hast du entsprechend viele Verpflichtungen, und verstößt fast dauernd gegen eine davon, weil sie zusammen unerfüllbar sind. Das Gefühl zeigt in diesem Fall nicht an, dass du etwas falsch machst. Es zeigt an, dass dein Zuständigkeitsbereich zu groß ist.

Warum fühle ich mich für andere verantwortlich?

Für Aufgaben anderer Menschen fühlst du dich meist deshalb zuständig, weil du die Folgen kommen siehst. Für ihre Gefühle fühlst du dich zuständig, weil du früh gelernt hast, auf Stimmungen zu achten, im Elternhaus, im Beruf oder in beidem. Beides lässt sich trennen: Du kannst dafür sorgen, dass deine Entscheidung nachvollziehbar ist. Du kannst nicht dafür sorgen, dass sie allen gefällt. Der Versuch, es doch zu tun, ist einer der zuverlässigsten Wege in die Erschöpfung.

Was ist Überverantwortlichkeit?

Überverantwortlichkeit, auch Überverantwortung oder übersteigertes Verantwortungsgefühl, beschreibt das Muster, sich für Dinge zuständig zu fühlen, für die man sachlich nicht zuständig ist: für fremde Aufgaben, für Abläufe, für die Stimmung anderer. Kennzeichnend ist nicht die Menge der Verantwortung, sondern ihre Verteilung. Typische Anzeichen: Du übernimmst, bevor gefragt wird. Du fühlst dich unwohl, wenn etwas offen liegt, das niemand angeht. Und du begründest im Nachhinein, warum es sinnvoll war, dass ausgerechnet du es gemacht hast.

Was bedeutet es, wenn man sich mit allem überfordert fühlt?

Häufig bedeutet es, dass nicht die einzelnen Aufgaben zu schwer sind, sondern dass zu viele davon gleichzeitig als „meine“ verbucht werden, inklusive der Aufgaben, die eigentlich anderen gehören. Der erste Schritt ist deshalb selten, schneller zu werden. Er ist: zu sortieren, was davon wirklich deins ist.

Wenn dazu allerdings kommt, dass du seit Wochen nicht mehr schläfst, morgens nicht mehr aufstehen kannst oder dich nichts mehr freut, dann ist das keine Frage der Zuständigkeit mehr. Bitte sprich in dem Fall zuerst mit deiner Hausärztin. Coaching ist kein Ersatz für ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung.

Ist es egoistisch, Verantwortung abzugeben?

Nein, und dass sich die Frage überhaupt stellt, gehört zum Muster dazu. Verantwortung abzugeben heißt nicht, sich zurückzuziehen. Es heißt zu entscheiden, welchen Teil du trägst und welcher Teil woanders hingehört. Dass es sich trotzdem egoistisch anfühlt, ist normal und geht auch nicht sofort weg. Das Gefühl ist ein schlechter Schiedsrichter darüber, ob eine Entscheidung richtig war.

Kampf oder Flucht? Warum das nur die halbe Wahrheit über Stress ist

Sonntagabend: Die Wäsche läuft, der Plan der nächsten Woche. steht, morgen früh geht es wieder los. Und du sitzt da und merkst: Du bist nicht müde. Du bist leer.
Du weißt genau, was jetzt zu tun wäre. Rückzug. Ruhe. Zeit für dich. Das steht in jedem Ratgeber, den du gelesen hast.

Nur hilft es nicht.

Es gibt einen Grund dafür — und er hat nichts mit deiner Disziplin zu tun. Er hat damit zu tun, dass fast alles, was wir über Stress zu wissen glauben, aus einer Forschung stammt, die eine ganze Stress-Reaktion übersehen hat.
Nicht aus Nachlässigkeit. Sondern weil jahrzehntelang fast nur von Männern an Männern geforscht wurde.

In diesem Artikel erzähle ich dir, was in deinem Körper wirklich passiert, wenn du unter Druck stehst. Außerdem zeige ich dir eine Reaktion, von der du wahrscheinlich noch nie gehört hast — obwohl du sie häufig benutzt.

Kampf oder Flucht: Was in deinem Körper wirklich passiert

Du kennst den Ablauf, auch wenn du ihn selbst nicht so nennst.

Das Telefon klingelt. Deine Chefin ist am anderen Ende und blafft dich an. Dein Herz schlägt schneller, dein Blutdruck steigt, in deinem Kopf wird es plötzlich sehr laut. Du willst entweder zurück keilen — oder du willst da raus.

Das ist Kampf oder Flucht. Auf Englisch fight or flight. Es ist die Reaktion, die in jedem Schulbuch steht.

Die Amygdala als Panikschalter

Was da passiert, entscheidet nicht dein Verstand. Es entscheidet ein Bereich in deinem Gehirn, der ungefähr die Größe einer Mandel hat und deshalb Mandelkern heißt — die Amygdala. Sie wird häufig auch als der Panikschalter im Gehirn bezeichnet – obwohl ihr das nicht wirklich gerecht wird.

Ihre Aufgabe ist einfach und uralt: dafür sorgen, dass du überlebst. Meldet sie „gefährlich“, läuft in Sekunden ein Programm ab, das du nicht aufhalten kannst. Adrenalin und Noradrenalin machen dich blitzartig wach. Cortisol stellt Energie bereit. Herzfrequenz, Blutdruck und Muskelspannung steigen. Verdauung und Immunabwehr werden heruntergefahren — die sind gerade nicht überlebenswichtig.

Dein Körper macht sich bereit. Für Kampf oder für Flucht.
Das passiert allerdings nicht nur in körperlich gefährlichen Situationen. Das passiert auch, wenn dein Gehirn entscheidet: „Das kränkt mich, das verletzt mich“ – bei jeder symbolischen Bedrohung deiner Selbstachtung oder Würde. Auch dann springt die Amygdala an.

Es gibt es noch drei andere Stressreaktionen

Hier hört die Schulbuchversion meistens auf. Dabei sind Kampf und Flucht nicht die einzigen Möglichkeiten, die dein Nervensystem hat.

Es gibt Freeze — das Erstarren. Du weißt nicht mehr, was du sagen sollst. Der Kopf ist leer, die Worte sind weg. Viele Frauen kennen genau das aus Konflikten, und sie halten es fälschlich für ein Zeichen von Schwäche. Doch in deinem Gehirn ist die Reaktion auf eine Ebene gerutscht, in der es keine Sprache gibt: deshalb bist du sprachlos.

Es gibt Fawn — das Beschwichtigen. Du lächelst, du gibst nach, du machst dich klein, damit die Bedrohung verschwindet. Wer das früh gelernt hat, sagt Ja, bevor der Kopf mitbekommen hat, was gefragt wurde.

Und es gibt Flop — das völlige Aufgeben, wenn der Körper nicht mehr reagiert. Diese biologische Überlebensstrategie des Körpers bei extremer Überforderung oder Lebensgefahr beschreibt das völlige Erschlaffen des Körpers oder eine psychische Abschaltung.

Wenn dir also im entscheidenden Moment nichts einfällt oder du zustimmst, obwohl du Nein meinst: Das ist kein Fehler in dir. Das ist eine Stressreaktion.

Doch es gibt noch eine. Die Unbekannteste

Die unbekannte Stressreaktion: tend and befriend

Übersetzt: sich kümmern und sich verbinden.

Tend heißt, ich kümmere mich um jemanden. Befriend, ich verbinde mich mit jemandem. Statt zu kämpfen oder wegzulaufen, wendest du dich zu.
Wenn du jetzt denkst: Moment, das mache ich doch ständig — dann liegst du richtig. Genau darum geht es. Doch das WIE spielt eine große Rolle.

Wie Laura Cousino Klein und Shelley Taylor darauf stießen

Die Geschichte dahinter ist so schön, dass ich sie jedes Mal gerne erzähle.

Ende der neunziger Jahre arbeitete die Psychologin Laura Cousino Klein im Labor von Shelley E. Taylor an der Universität von Kalifornien in Los Angeles. Es fiel ihr etwas auf: Wenn die Männer im Labor Stress hatten, verkrochen sie sich in ihren Büros. Wenn die Frauen Stress hatten, räumten sie das Labor auf, brachten Kekse mit und tranken zusammen Kaffee.

Das war zuerst ein Witz unter Kolleginnen. Aber Klein ging der Sache nach.

Sie stellte fest: Rund 90 Prozent der veröffentlichten Stressforschung war an männlichen Versuchspersonen durchgeführt worden. An Männern und an männlichen Versuchstieren.
Als sie das Shelley Taylor erzählte, machte es auch bei ihr Klick. Taylor forderte ihr Labor auf, die soziale Seite von Stress zu untersuchen. Im Jahr 2000 erschien daraus eine Arbeit im Psychological Review, die dem Phänomen seinen Namen gab.

Warum 90 Prozent der Stressforschung an Männern gemacht wurde

Das klingt nach einem Skandal, ist aber vor allem Methodik. Männliche Versuchstiere haben keinen Zyklus, ihre Hormonlage schwankt weniger, die Daten sind einfacher auszuwerten. Also nahm man sie. Jahrzehntelang.

Doch wer nur eine Hälfte untersucht, findet auch nur eine Hälfte.

Ein wichtiger Hinweis, damit hier nichts Falsches hängenbleibt: Es ist nicht so, dass Frauen anders auf Stress reagieren und Männer nicht. Man weiß inzwischen, dass beide Reaktionen bei beiden Geschlechtern vorkommen. Der Punkt ist ein anderer — und er ist größer: Eine ganze Stressreaktion wurde übersehen, weil man nur in eine Richtung geschaut hat.

Genau diese neuen Erkenntnisse fehlen bis heute in fast jedem Stressratgeber. Deshalb liest du überall denselben Rat: Zieh dich zurück. Entspann dich: Me-Time. Kümmer dich endlich nur um dich.

Das ist eben nur zum Teil richtig und hilfreich.

Warum du keine Energie mehr hast — und Rückzug nicht hilft

Jetzt kommt der Teil, der die meisten Frauen erst mal ärgert. Mich damals auch.

Wenn du völlig erschöpft bist, sagt dir dein Kopf: Ich brauche jetzt Zeit für mich. Geht mir alle weg, lasst mich in Ruhe, dann wird es besser.
Die Forschung sagt: Das ist nicht die zuverlässigste Art, wieder aufzutanken.

Das Stressparadox

In dem Moment, in dem du dich entscheidest, dich einem anderen Menschen zuzuwenden, verändert sich deine Hormonlage. Nicht Adrenalin und Cortisol — sondern Oxytocin, das Verbundenheit herstellt. Dopamin, das dich handlungsfähig macht und Angst dämpft. Dazu Serotonin, das den Tunnelblick wieder weit macht, sodass du überhaupt wieder Überblick bekommst.

Wer sich kümmert, bekommt Energie zurück. Nicht obwohl er müde ist. Sondern gerade dann.

Halt. Bevor du das Fenster schließt, weil du denkst: Jetzt soll ich mich auch noch mehr um andere kümmern? Ich kümmere mich um alle. Das ist ja gerade das Problem.

Ich weiß. Und du hast recht.

Deshalb kommt jetzt der wichtigste Satz in diesem ganzen Artikel: Der Wirkstoff ist nicht das Kümmern. Der Wirkstoff ist, dass du es wählst.

Dazu gleich mehr. Erst die zweite Untersuchung, die mich richtig überrascht hat.

Was die Forschung über Zeitdruck herausgefunden hat

Drei Forschende — Cassie Mogilner, Zoë Chance und Michael Norton — haben sich 2012 einer Frage gewidmet, die dich betrifft: Was hilft Menschen, die unter Zeitdruck stehen?

Sie teilten Menschen in Gruppen auf. Die einen bekamen Zeit für sich selbst geschenkt und durften damit machen, was sie wollten. Die anderen bekamen dasselbe Stück Zeit — sollten es aber bewusst für einen anderen Menschen verwenden.

Danach wurden alle gefragt, wie schlimm der Zeitdruck in ihrem Leben sei.

Die Gruppe, die ihre Zeit verschenkt hatte an andere, erlebte sich, als hätte sie mehr Zeit. Nicht die Gruppe, die Zeit für eigene Interessen geschenkt bekommen hatte.

Der Titel der Arbeit sagt es kürzer, als ich es könnte: Giving Time Gives You Time. Zeit geben gibt dir Zeit.

Selbstwirksamkeit ist der Wirkstoff

Die Forschenden haben auch untersucht, woran das liegt. Die Antwort ist nicht Dankbarkeit und nicht gutes Karma.

Es ist Selbstwirksamkeit. Das Erleben: Ich kann etwas bewirken. Was ich tue, macht einen Unterschied.

Genau dieses Erleben fehlt dir, wenn du erschöpft bist. Nicht Zeit fehlt dir. Nicht Schlaf. Was fehlt, ist das Gefühl, dass du Herrin deines Tages bist statt seine Verwalterin.

Deshalb füllt ein freier Nachmittag dich nicht auf, wenn du ihn absitzt. Deshalb kann ein Anruf bei einer Freundin, den du wirklich machen willst, dich hinterher wacher zurücklassen als zwei Stunden Sofa.

Der Unterschied zwischen Wählen und Müssen

Jetzt sind wir an dem Punkt, an dem sich alles entscheidet.

Stell dir zwei Tage vor, die von außen genau gleich aussehen.

Tag eins: Du arbeitest im Homeoffice. Dein Kind kommt rein, die Mathehausaufgabe ist zu schwer, es ist die dritte Unterbrechung in einer Stunde. Du denkst: „Jetzt muss ich auch mich noch darum kümmern. Ich komme zu nichts. Es ist immer dasselbe.“

Tag zwei: Gleiche Situation. Aber du hältst kurz inne und denkst: „Okay. Ich entscheide mich: jetzt zehn Minuten volle Zuwendung. Die gehören ihm. – Danach bin ich wieder bei mir und meiner Aufgabe“

Der Aufwand ist identisch. Die Wirkung nicht.

Denn in dem Moment, in dem du denkst „Ich muss halt“, meldet dein Nervensystem Ohnmacht. Und Ohnmacht ist Stress. Der Pegel steigt, obwohl du genau das tust, was auch im anderen Fall geholfen hätte.

Akteurin statt Reagierende

Manage dich anders, indem du anders mit dir sprichst.
Das ist kein Wortspiel und keine Einstellungssache im Sinne von „denk einfach positiv“. Es ist ein messbarer Unterschied in dem, was dein Körper ausschüttet.

Es ist der Grund, warum ich mit meinen Klientinnen selten am Kalender arbeite. Der volle Kalender ist oft nicht das Problem. Das Problem ist das Selbstbild dahinter: Ich bin die, die gebraucht wird. Ich bin die, die sich kümmern muss.

Solange dieses Selbstbild unverändert bleibt, ist jedes Kümmern ein Muss. Und jedes Muss kostet dich. Das ist der Hintergrund, warum Mental Load immer schwerer wird.

Wenn du dasveränderst, wird aus derselben Handlung etwas anderes. Du machst dasselbe — und es laugt dich nicht mehr aus.

Der kleinste Schritt dorthin: Nimm dir für morgen eine einzige Sache vor, bei der du dich vorher bewusst entscheidest. Nur eine. Sag innerlich: Das mache ich jetzt, weil ich es will. Mehr nicht.

Oder: Ich habe zwar null Bock drauf, doch ich sehe, dass es notwendig ist. Deshalb entscheide ich mich, es zu tun.

Ich nenne so etwas einen Schildkröten-Trippelschritt. Er ist so klein, dass auch der erschöpfte Teil in dir sagt: Das schaffe ich.

Und genau deshalb funktioniert er.

Wenn ein Mensch leidet, den du liebst

Es gibt eine Situation, in der all das besonders schwer wird. Ich will sie nicht auslassen, auch wenn sie unangenehm ist.

Jemand, den du liebst, hat Schmerzen. Eine Diagnose. Einen Verlust. Und du weißt nicht, was du tun sollst.

Wir Menschen haben darauf zwei Antworten. Wir wenden uns zu — oder wir wenden uns ab, weil wir es nicht aushalten.

Was ich bei meiner besten Freundin falsch gemacht habe

Ich habe vor über dreißig Jahren meine beste Freundin an Krebs verloren.
Und ich fand es von Mal zu Mal schwerer, ins Krankenhaus zu gehen. Sie baute immer mehr ab. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, ich wusste nicht, was ich tun sollte, und ich hatte das Gefühl, dass ich sowieso nichts ausrichten kann. Über Monate besuchte ich sie. Je mehr sie körperlich abbaute, desto schwerer wurde es, ich litt mit ihr.

Am Schluss bin ich weggeblieben. Ich konnte es nicht mehr aushalten und ich war so enttäuscht von mir.

Damals wusste ich es nicht besser. Ich hatte einfach keinen Werkzeugkoffer dafür.

Wenn du das kennst — dass du nicht angerufen hast, nicht besucht, nicht gefragt: Du hast dich nicht falsch verhalten. Dir hat jemand gefehlt, der dir sagt, dass Dasein reicht.

„Ich bin jetzt da für dich“ — der Satz, der reicht

Es gibt dazu eine Untersuchung, die mich sehr berührt hat.

Zwanzig Paare kamen in ein Labor. Der Mann bekam schmerzhafte Elektroimpulse. Die Frau saß daneben (sie hatte vorab eine Kostprobe des Elektroimpulses bekommen und wusste, wie schmerzhaft es war), während ihr Gehirn gescannt wurde. Sie konnte nichts am Schmerz ändern und die Untersuchung nicht abbrechen. Das Einzige, was sie tun konnte, war: seine Hand halten.

In einer Vergleichsgruppe bekamen die Frauen stattdessen einen Stressball zum Drücken.

Bei den Frauen, die die Hand hielten, wurden die Bereiche für Belohnung und Fürsorge aktiv. Und je stärker diese Bereiche arbeiteten, desto ruhiger war gleichzeitig der Angstbereich im Gehirn. Beim Stressball blieb dieser Effekt aus.

Gemessen wurde übrigens nur die Frau — die, die dabei saß. Nicht der, der die Schmerzen hatte. Genau das ist das Überraschende: Hand halten hilft auch der Person, die dabei sitzt.

Wenn du dich also abwendest, weil du denkst „Ich halte das nicht aus“ — dann steigt dein eigener Stresspegel.
Heute weiß ich: Es geht nicht darum, dass ich etwas tun kann. Es geht nicht darum, dass ich eine Last abnehme.

Es geht darum, dass ich da bin.

„Du, ich weiß auch nicht, was ich sagen soll. Und vielleicht weißt du es auch nicht. Doch ich bin jetzt da für dich. Und wenn du nur weinst — ich bin jetzt da für dich.“

Das ist genug. Das war immer genug.


Wann Coaching nicht reicht

Das ist mir wichtig, und ich sage es lieber zu deutlich als zu leise.

Ich arbeite heutzutage als Coach — auch wenn ich Heilpraktikerin bin und im Gesundheitsbereich arbeiten darf.

Ich begleite Frauen in frühen Stadien von Erschöpfung — dort, wo noch Selbstwirksamkeit da ist. Wo du noch etwas selbst in die Hand nehmen kannst, auch wenn es sich schwer anfühlt.
Coaching ist der richtige Weg, wenn du dich zwar durchschleppst, aber noch handlungsfähig bist. Wenn du merkst: Ich will etwas verändern, ich weiß nur nicht, wie ich drankomme.
Da kann ich dich auch bei körperlichen Symptomen unterstützen.

Coaching ist NICHT der richtige Weg, wenn du gar nichts mehr selbst bewegen kannst. Wenn du morgens nicht mehr aufstehst. Wenn du seit Wochen nicht mehr schläfst. Wenn dich nichts mehr freut. Wenn du Gedanken hast, dir selbst etwas anzutun.

Dann gehörst du in ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung — und zwar zuerst. Bitte geh zu deiner Hausärztin. Sie ist der richtige erste Schritt, auch wenn Therapieplätze schwer zu bekommen sind.

Und wenn es akut ist, brauchst du nicht bis zum nächsten Termin zu warten. Diese Stellen sind rund um die Uhr erreichbar, kostenfrei und anonym:

  • Deutschland: Telefonseelsorge — 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123
  • Österreich: Telefonseelsorge — 142
  • Schweiz: Die Dargebotene Hand — 143
  • Bei akuter Gefahr: Notruf 112

Wenn dir Anrufen zu viel ist: Die Telefonseelsorge berät auch per Chat und Mail über telefonseelsorge.de — ebenfalls anonym. Für viele Frauen, die es gewohnt sind zu funktionieren, ist das die niedrigere Schwelle.

Coaching ist kein Ersatz für ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung. Und ich stelle keine Diagnosen — auch nicht in diesem Artikel.

Wenn du gerade einen Menschen begleitest

Vielleicht liest du das hier nicht, weil du über Stressforschung nachdenken willst. Vielleicht liest du es, weil da jemand ist, der krank ist. Oder stirbt. Und du weißt nicht, wie du das aushalten sollst.

Dann sage ich dir zuerst das: Du musst das nicht allein aushalten. Du musst auch nicht wissen, was zu tun ist.

Hospiz- und Palliativdienste sind nicht erst für das Ende da, und sie sind nicht nur für die Kranken. Sie begleiten die Angehörigen mit — und das ist kostenlos. Die meisten Menschen wissen das nicht.

Wo du Hilfe findest:

  • Deutschland: Deutscher Hospiz- und PalliativVerband — dhpv.de. Über den „Wegweiser Hospiz- und Palliativversorgung“ findest du Angebote in deiner Nähe; er enthält über 3.000 Adressen und liegt in neun Sprachen vor.
  • Deutschland, wenn du pflegst: Das Pflegetelefon des Bundesfamilienministeriums berät anonym und vertraulich unter 030 20 17 91 31 (montags bis donnerstags 9 bis 18 Uhr) oder per Mail an info@wege-zur-pflege.de. Auch zur Frage, wie sich Pflege und Beruf vereinbaren lassen.
  • Österreich: Dachverband Hospiz Österreich — hospiz.at. Dort findest du unter „Betroffene“ die Einrichtungen in deiner Region.
  • Schweiz: palliative.ch. Eine Übersicht der Angebote gibt es über palliativkarte.ch.

Häufige Fragen zu Kampf oder Flucht

Was bedeutet Kampf oder Flucht genau?

Kampf oder Flucht (englisch fight or flight) ist die Alarmreaktion deines Nervensystems. Die Amygdala im Gehirn meldet Gefahr, daraufhin werden Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol ausgeschüttet. Herzschlag, Blutdruck und Muskelspannung steigen, weniger dringende Funktionen wie Verdauung und Immunabwehr werden heruntergefahren. Dein Körper macht sich bereit, sich zu wehren oder wegzulaufen.

Welche Stressreaktionen gibt es außer Kampf und Flucht?

Vier weitere, die seltener genannt werden. Freeze ist das Erstarren — der Kopf wird leer, die Worte fehlen. Fawn ist das Beschwichtigen — du gibst nach, um die Bedrohung zu beenden. Flop ist das völlige Nachgeben, wenn der Körper aufgibt. Und tend-and-befriend ist das Zuwenden — du kümmerst dich und verbindest dich mit anderen. Alle sind normale Reaktionen des Nervensystems, kein irgendwie geartetes Versagen.

Reagieren Frauen anders auf Stress als Männer?

Alle Reaktionen kommen bei beiden Geschlechtern vor. Der entscheidende Punkt ist ein anderer: Rund 90 Prozent der Stressforschung wurde an männlichen Versuchspersonen durchgeführt. Deshalb wurde die tend-and-befriend-Reaktion jahrzehntelang übersehen — nicht, weil sie nur Frauen betrifft, sondern weil man nur in eine Richtung geschaut hat. Die ersten Erkenntnisse zum Thema Stress wurden durch Ratten erzielt, die man in lebensgefährliche Situationen gesetzt hatte.

Ich habe keine Energie mehr. Soll ich mich wirklich um andere kümmern?

Nicht mehr tun — sondern anders. Der Wirkstoff ist nicht das Kümmern, sondern die freiwillige Entscheidung.
Wer sich verpflichtet fühlt, erlebt Ohnmacht, und Ohnmacht erhöht den Stress.
Wer sich bewusst entscheidet, erlebt Selbstwirksamkeit. Dieselbe Handlung, entgegengesetzte Wirkung. Wenn du ohnehin schon für alle da bist, geht es nicht darum, mehr zu geben — sondern darum, wieder zu spüren, dass du wählst.

Warum hilft Rückzug bei Erschöpfung oft nicht?

Weil das, was fehlt, meistens nicht Ruhe ist, sondern Selbstwirksamkeit — das Erleben, etwas bewirken zu können. Ein freier Nachmittag, den du absitzt, füllt dieses Konto nicht auf. Deshalb kann ein bewusst gewählter Kontakt erholsamer sein als Alleinsein. Das heißt nicht, dass Pausen unwichtig wären. Es heißt: Ruhe allein reicht oft nicht.

Was sage ich jemandem, der schwer krank ist?

Nichts Bestimmtes. Das ist die Entlastung: Es geht nicht darum, das Richtige zu sagen oder etwas zu lösen. Es geht darum, da zu bleiben. Ein Satz, der immer geht: „Ich weiß auch nicht, was ich sagen soll. Doch ich bin jetzt da für dich.“ Wer sich abwendet, weil er es nicht aushält, erhöht vor allem den eigenen Stress.


Woher diese Erkenntnisse stammen

Der Begriff „tend-and-befriend“ geht auf eine Arbeit von Shelley E. Taylor und ihrem Team an der UCLA zurück: Taylor, S. E., Klein, L. C., Lewis, B. P., Gruenewald, T. L., Gurung, R. A. R. & Updegraff, J. A. (2000). Biobehavioral responses to stress in females: Tend-and-befriend, not fight-or-flight. Psychological Review, 107(3), 411–429.

Das Experiment mit dem Armhalten und dem Stressball: Inagaki, T. K. & Eisenberger, N. I. (2012). Neural Correlates of Giving Support to a Loved One. Psychosomatic Medicine, 74(1), 3–7. Untersucht wurden 20 Paare; ausgewertet wurden die Hirnaufnahmen von 17 Frauen, die ihren Partner unterstützten.

Die klassische Untersuchung zum Handhalten aus der anderen Richtung: Coan, J. A., Schaefer, H. S. & Davidson, R. J. (2006). Lending a hand: Social regulation of the neural response to threat. Psychological Science, 17(12), 1032–1039.

Das Experiment zum Zeitdruck: Mogilner, C., Chance, Z. & Norton, M. I. (2012). Giving Time Gives You Time. Psychological Science, 23(10), 1233–1238.

Zum Weiterlesen empfehle ich Kelly McGonigals Buch „Glücksfaktor Stress“ (englisch: „The Upside of Stress“). [LINK zu deiner Besprechung einfügen]


Wie es weitergeht

Wenn du bis hierher gelesen hast, gehörst du wahrscheinlich zu den Frauen, die viel leisten und gerne leisten — und die spüren, dass es so nicht weitergeht. Ich nenne sie Gerne- und Viel-Leisterinnen.

Für den Anfang habe ich etwas Kostenloses für dich: mein E-Book „Erste Hilfe bei Stress im Job“ mit elf Übungen, die zwischen zwei Terminen passen. Kein Zeitmanagement-Kurs, keine Umstellung deines Lebens. Kleine Dinge, die sofort etwas verändern.
Wenn du merkst, dass du tiefer gehen willst: Mein Einzelcoaching findet in Karlsruhe und online statt.

Schreib mir gern, wenn du eine Frage hast: kontakt@carmenreuter.de

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Harmoniesüchtig: Warum du nachgibst, obwohl du schon Nein gesagt hast

Weil du zwar zuerst Nein sagt— doch ein Preis dafür sofort fällig wird – den willst du lieber nicht zahlen.

Die kurze Antwort

  • Das Problem ist nicht das Nein. Es ist die Minute danach, in der du Gegenwind spürst.
  • Anpassung ist eine Tugend, keine Schwäche. Sie kentert nur, wenn ihr Gegengewicht fehlt: zu sich selbst zu stehen.
  • Der Kommunikationspsychologe Friedemann Schulz von Thun nennt dieses Gegengewicht die Schwestertugend. Ohne sie wird aus Anpassung Selbstaufgabe.
  • Meine dänische Kollegin hat dafür einen Namen: die „Anpassungsentzündung“.
  • Wer sie hat, will unter keinen Umständen egoistisch wirken — und gibt lieber nach, als das zu riskieren.
  • Was hilft, ist deshalb nicht die bessere Formulierung. Sondern die Schwestertugend.

„Ich bin halt harmoniesüchtig“

In einem Coaching mit einer Klientin tauchte ein sie sehr belastendes Thema auf: sich selbst in Beziehungen zu verlieren.

Egal ob es ihren Partner oder eine Freundin betraf — sobald der andere Mensch etwas wollte und darauf beharrte, lenkte sie ein. Sie stellte ihre Ideen und Bedürfnisse immer hintenan.

Nun kommt der Punkt, um den es hier geht.

In dem Moment, wo sie etwas wirklich ablehnte oder etwas anderes wollte, sagte sie zwar im ersten Schritt Nein. Doch sobald sie Gegenwind spürte, gab sie wieder nach.

„Ich bin halt harmoniesüchtig und kann kein Rückgrat zeigen“, schimpfte sie über sich selbst.

Merkst du, was da passiert? Sie kann das Nein. Sie hat es ausgesprochen. Was sie nicht kann, ist es aushalten.

Obendrauf kommt noch der zweite Automatismus : Weil es wieder nicht geklappt hat, macht sie sich dafür fertig – kritisiert sich und wertet sich sogar ab: „Ich bin anscheinend eine von diesen People Pleasern.“

Hilft natürlich überhaupt nichts für die Situation.

Zwei starke Paddler — und trotzdem gekentert

Es war der zweite Tag unserer Wander-Bootsfahrt. Wir hatten immer wieder die Paddelpartner gewechselt, und nun saßen zwei meiner stärksten Freunde zusammen im schlanken Kajak.

Ich erwartete, dass sie abziehen und uns alle hinter sich lassen.

Doch dann? Die beiden fielen ab. Hatten Schwierigkeiten, den Anschluss zu halten. Und bei der ersten Bootsrutsche über ein kleines Wehr — pardauz, gekentert. 🫣

Anscheinend hatten die beiden Schwierigkeiten, sich aneinander anzupassen.

Wenn ich mit ihnen im Kajak saß, dann vorne (der schwerere sitzt hinten). Ich hatte die Bewegung des Paddels meines Hintermanns durchgehend im Augenwinkel — und an diese hatte ich mich angepasst. Voilà: synchroner Paddelschlag und Tempo.

Merk dir das Bild. Anpassung ist nicht dein Problem. Ohne sie kentert man.

Das Problem ist — wenn es nicht um Kajakfahren geht —, wenn nur noch einer im Boot sich anpasst.

Was Harmoniesucht wirklich ist

Ich habe meiner Klientin das Werte- und Entwicklungsquadrat von Friedemann Schulz von Thun gezeigt. Der Gedanke dahinter ist einfach und verändert alles:

Eine Untugend ist in der Regel nur zu viel des Guten.

Die Fähigkeit, sich an andere oder an eine Situation anzupassen, ist definitiv eine Tugend — wenn ich gleichzeitig die Fähigkeit habe, auch zu mir und meinen Bedürfnissen zu stehen.

Schulz von Thun nennt das die Schwestertugend. Die beiden halten sich gegenseitig in Balance.

Wenn sie aus irgendwelchen Gründen fehlt — und die meisten davon stammen aus deinen frühen Jahren — dann wird die wunderbare Fähigkeit der Anpassung auf einmal zum Sich-selbst-Verlieren.
Oder wie meine dänische Kollegin zu sagen pflegte: zur „Anpassungsentzündung.“

Ich finde das Bild gut. Eine Entzündung ist ja nichts, was von außen kommt. Es ist eine körpereigene Reaktion, die überschießt. Sie war mal sinnvoll. Sie ist es nur nicht mehr in dieser Menge.

Wann aus Anpassen ein Sich-selbst-Verlieren wird

Es gibt einen Moment, in dem es umschlägt: der ist erstaunlich unspektakulär.
Er kommt nicht, wenn du einmal nachgibst. Er kommt, wenn du nicht mehr merkst, dass du nachgegeben hast.

Woran du das erkennst:

  • Du weißt am Abend nicht mehr, was du eigentlich wolltest — nur, was alle anderen wollten.
  • Du fragst dich bei Entscheidungen zuerst, was die anderen dazu sagen.
  • Der Satz „Ist mir egal, entscheide du“ kommt dir leicht über die Lippen. Auch wenn es dir nicht egal ist.
  • Du merkst erst hinterher, dass du wütend bist, weil du dich über den Tisch ziehen ließest. Manchmal erst Tage später.
  • Du hast nach und nach deine Hobbys aufgegeben, ohne dich je bewusst dagegen entschieden zu haben. Dafür findest du dich samstags auf dem Fußballplatz oder jagst mit dem Mountainbike steile Hänge hinunter. Obwohl dich das Erste nicht interessiert und dir das Zweite Angst macht.

Das ist der Punkt, an dem Anpassung aufhört, eine Fähigkeit zu sein, und anfängt, deine Identität zu werden. Du bist dann nicht mehr die, die sich anpasst. Du bist die Angepasste.

Konfliktscheu: Warum du dem Gegenwind ausweichst, bevor er kommt

Es gibt eine Stufe davor. Da hast du noch gar nichts gesagt.

Du legst dir das Gespräch tagelang zurecht. Du feilst an der Formulierung, damit sie ja nicht falsch ankommt. Du wartest auf den richtigen Moment — und der Moment kommt nie ganz richtig. Am Ende sagst du nichts und nennst es Rücksicht.

Das ist Konfliktscheu. Sie ist eine Vorstufe zu dem, was ich oben beschrieben habe.

Der Unterschied liegt im Zeitpunkt:

  • Konfliktscheu heißt: Du gehst dem Gespräch aus dem Weg, bevor es überhaupt beginnt.
  • Harmoniesucht heißt: Du führst es — und nimmst dein Nein zurück, sobald es unangenehm wird.

Der Motor ist derselbe. Beide Male willst du die Spannung nicht aushalten, die entsteht, wenn zwei Menschen etwas Verschiedenes wollen. Es ist dir unangenehm, du spürst es körperlich. Hinterher denkst du: „…um des lieben Friedens willen, ist ja nicht so wichtig…“

Beides fühlt sich in dem Moment vernünftig an. Das ist das Tückische daran. Konfliktscheu tarnt sich hervorragend: als Diplomatie, als Höflichkeit, als „ich bin halt der friedliche Typ“.

Friedfertig oder konfliktscheu?

Der Test ist einfacher, als du denkst — und er hat nichts damit zu tun, wie oft du streitest.

Friedfertig ist, wer einen Konflikt führen könnte und sich in dieser Situation dagegen entscheidet. Da ist eine Wahl.

Konfliktscheu ist, wer ihn nicht führen kann. Da ist keine Wahl, da ist ein Automatismus. Die Entscheidung ist gefallen, bevor du sie getroffen hast.

Der Preis dafür verschwindet nicht. Er wird nur vertagt. Was nicht ausgesprochen wird, löst sich ja nicht auf— es sammelt sich an. Meldet sich dann als Gereiztheit, als Rückzug, als dieses dumpfe Gefühl, mit dem du abends auf dem Sofa sitzt und nicht genau sagen kannst, was eigentlich los ist. Darüber habe ich an anderer Stelle geschrieben: Schweigen um des lieben Friedens willen.

Fight, Flight, Freeze — und Fawn

Dein Körper hat für Bedrohung mehrere Programme. Kämpfen (fight). Weglaufen (flight). Erstarren (freeze). Und eines, über das erst seit kurzem offen gesprochen wird: Fawn.

Fawn heißt so viel wie schmeicheln, sich anschmiegen. Im Deutschen wird es der Bambi-Reflex genannt. Statt zu kämpfen oder wegzulaufen, macht sich dein System klein, freundlich und zustimmend. Es beschwichtigt. (Manche Modelle zählen noch eine fünfte Reaktion dazu: flop, das Schlaffwerden.)

Nun der Punkt, der die meisten Frauen in meiner Praxis spürbar entlastet: Das ist keine Charakterfrage!
Das ist eine Stressreaktion. Sie läuft schneller ab, als du denken kannst — dein Nervensystem hat entschieden, bevor dein Kopf überhaupt gemerkt hat, dass es eng wird.

Wenn du also nach deinem Nein plötzlich hörst, wie du sagst: „Ach, ist ja auch nicht so wichtig“ — das war kein Mangel an Rückgrat. Das war ein Reflex. Einer, der irgendwann einmal sehr klug war – weil er das Überleben gesichert hat..

Reflexe kannst du dir nicht abgewöhnen. Doch du kannst sie unterbrechen. Dafür musst du sie erst einmal bei ihrem Namen nennen können.

Die Angst, egoistisch zu wirken

In einem Forum schreibt eine Frau, die um Rat bittet: „Könnt ihr mir Tipps geben, wie ich das lernen kann? Es geht mir nicht gut damit, aber ich schaffe es nicht, über meinen eigenen Schatten zu springen.“

An anderer Stelle im selben Beitrag steht der Grund: „Ein ‚Nein‘ aus egoistischen Gründen gehört sich nicht, so bin ich erzogen worden.“

Da ist er. Der eigentliche Hebel.

Menschen mit einer Anpassungsentzündung wollen zum einen unter keinen Umständen egoistisch erscheinen. Das wäre tatsächlich eine Untugend — und deshalb geben sie lieber nach, als es zu riskieren.

(Übrigens auch der einfachste Manipulationshebel für alle im Umfeld, die es gerne bequem haben wollen: „Du weißt doch, wie wichtig mir das ist. Jetzt willst du mir diese Freude verderben…“ Und Ähnliches. Emotionale Erpressung wirkt hier hervorragend – doch lässt sie mit der Zeit immer mehr Frust, Groll oder Resignation anwachsen.)

Zum anderen haben viele Menschen, vor allen Dingen Mädchen und Frauen, (nicht nur in den letzten Jahrhunderten, wir können davon ausgehen seit Jahrtausenden) nur überleben können, wenn sie sich untergeordnet haben. Was wir leider Gottes in vielen Ländern der Erde im Moment zunehmend beobachten können.

Aber wenn wir dieses „sich NUR um sich selbst kümmern“ (das ist eine Definition für Egoismus) etwas abspecken, dann landen wir bei der Tugend: an sich selbst zu denken, sich selbst ernst zu nehmen und sich selbst zu lieben.

Für alle, die im Religionsunterricht aufgepasst haben: Das ist das elfte und höchste Gebot.

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

Wie dich selbst. Nicht statt dir selbst.

Was sich verändert, wenn die Schwestertugend wächst

Eine Klientin aus der Finanzverwaltung hat mir geschrieben, wie ein Nein bei ihr inzwischen klingt: „Ich hab’s mir überlegt, ich möchte nicht mitspielen beim Konzert. (Punkt – Pause)“

Kein Argument. Keine Rechtfertigung. Kein „aber eigentlich würde ich ja gerne, nur leider …

Ein Satz. Ein Punkt. Eine Pause.

Die Pause ist übrigens der schwierigste Teil. Da ist der Moment, in dem früher das Nachgeben kam.

Eine Teilnehmerin meines Gruppencoachings, Staatsanwältin von Beruf, beschreibt den Zusammenhang so: „Mit dem Selbstwert bei 100 sind die Schuldgefühle beim Nein-Sagen auch sehr stark zurückgegangen.“

Das ist genau die Reihenfolge. Erst der Selbstwert. Dann hält das Nein.

Drei Fragen für dich

Nimm dir dafür wirklich zwei Minuten. Nicht überfliegen.

  1. Wann hast du zuletzt Nein gesagt und es dann doch zurückgenommen? Nicht: Wann konntest du nicht Nein sagen. Sondern: Wann hast du eingelenkt, nachdem du schon abgelehnt hattest.
  2. Was ist in dem Moment passiert?
    Hat jemand etwas gesagt? Nur geschwiegen? Geseufzt?
    Ziehst du dann die Schultern hoch? Beißt du die Zähne zusammen?
  3. Was hättest du gebraucht, um standhaft zu bleiben? Nicht die perfekte Formulierung. Sondern: Was hätte dir gefehlt — Zeit? Ein Satz für dich selbst? Jemand, der zugestimmt hätte?

Schreib es auf, handschriftlich, wenn es geht. Das ist der Anfang der Schwestertugend: sie überhaupt erstmal zu bemerken.

Häufige Fragen

Was ist Harmoniesucht?

Umgangssprachlich beschreibt sie ein übersteigertes Bedürfnis nach Einklang — so stark, dass eigene Bedürfnisse regelmäßig zurückgestellt werden, um Spannung zu vermeiden. Fachlich lässt sie sich als Anpassung ohne ihr Gegengewicht beschreiben: die Fähigkeit, auf andere einzugehen, ohne die Fähigkeit, zu sich selbst zu stehen. Neudeutsch heute als People Pleasing bezeichnet. Eine Diagnose ist das nicht.

Woher kommt Harmoniesucht?

Die Gründe sind meist biografisch. Wer früh gelernt hat, dass Zustimmung Sicherheit bringt und Widerspruch teuer wird, entwickelt Anpassung zur Höchstform. Das war damals klug. Es ist nur nicht mehr nötig.

Was ist der Unterschied zwischen Harmoniebedürfnis und Harmoniesucht?

Ein Harmoniebedürfnis hat jeder Mensch, und es ist gesund. Zur Sucht wird es, wenn du sie um jeden Preis herstellst — auch um den, dich selbst dabei zu verlieren. Die Grenze liegt nicht darin, ob du nachgibst, sondern ob du frei entscheiden kannst, es nicht zu tun.

Bin ich konfliktscheu oder harmoniesüchtig?

Konfliktscheu heißt, du gehst dem Gespräch aus dem Weg, bevor es beginnt. Harmoniesüchtig heißt, du führst es und nimmst dein Nein zurück, sobald Gegenwind kommt. Der Antrieb ist bei beidem derselbe: Die Spannung zwischen zwei verschiedenen Wünschen fühlt sich unerträglich an. In der Praxis treten beide meist zusammen auf.

Was ist der Fawn- oder Bambi-Reflex?

Fawn ist eine Stressreaktion neben Kämpfen, Fliehen und Erstarren. Statt sich zu wehren oder wegzugehen, reagiert der Mensch besonders freundlich, zustimmend und klein — er beschwichtigt. Im Deutschen heißt das Bambi-Reflex. Wichtig zu wissen: Das ist kein Charakterzug, sondern ein Reflex des Nervensystems, der schneller abläuft als jeder Gedanke.

Bin ich harmoniesüchtig oder einfach nur nett?

Nette Menschen geben nach, weil sie es wollen. Harmoniesüchtige geben nach, weil sie das Unbehagen danach nicht aushalten. Ein guter Test: Wie fühlst du dich, wenn du einmal nicht nachgibst? Erleichtert oder unruhig?

Kann man Harmoniesucht ablegen?

Ablegen ist das falsche Wort — du willst die Anpassungsfähigkeit ja behalten. Was sich verändern lässt, ist das fehlende Gegengewicht. Das ist Übungssache, und meiner Erfahrung nach braucht es dafür einen Blick auf die Prägungen, die dahinterliegen.

Was macht Harmoniesucht mit einer Beziehung?

Sie erzeugt eine Ruhe, die keine ist — wir könnten es Schein-Ruhe oder vielleicht auch Friedhofsruhe nennen. Konflikte werden nicht gelöst, sondern unter den Teppich geschoben — und tauchen später als Rückzug, Gereiztheit oder Erschöpfung wieder auf. Der Partner merkt oft gar nicht, dass etwas im Argen liegt, weil ja nie etwas gesagt wurde.

Reicht es, sich das bewusst zu machen?

Meiner Erfahrung nach nicht. Am Wissen hat es bei den Frauen, mit denen ich arbeite, noch nie gelegen.

Wenn du dich in einem anderen Punkt wiedererkennst

Harmoniesucht ist einer von mehreren Gründen, warum Grenzen nicht halten. Zwei weitere habe ich an anderer Stelle beschrieben:

Dieser Artikel hier ist für die Frau, die das Nein schon ausspricht — und es dann zurücknimmt.

Wenn du daran arbeiten willst

Genau das übe ich mit Frauen in meinem Selbstlernkurs „Nein sagen ohne Schuldgefühle“ — Schritt für Schritt, in deinem eigenen Tempo.

👉 Hier findest du alle Infos zum Kurs

Ich bin Carmen Reuter, Coach für leistungsstarke Frauen 45+ aus Justiz, Verwaltung, Klinik und Wirtschaft — Frauen, die von außen aussehen, als hätten sie alles im Griff. Nur mit der Zeit laugt das aus. Das kenne ich aus eigener Erfahrung.

Meine Texte schreibe ich selbst. KI nutze ich als Werkzeug für Recherche, Korrektur und sprachlichen Feinschliff – die Gedanken, die Haltung und die Erfahrung dahinter sind meine eigenen.

Frau, die einen Spagat über einen Abgrund macht, zwischen Arbeit und Privatleben.

Woran erkenne ich einen stillen Burnout?

Woran erkenne ich einen stillen Burnout?
Daran, dass du nicht zusammenbrichst. Genau das ist das Problem.

Die kurze Antwort

  • Ein Burnout im klassischen Sinn endet im Zusammenbruch. Bei dem, was viele „stillen Burnout“ nennen, passiert genau das nicht — und deshalb wird er jahrelang übersehen.
  • Der Fachbegriff dafür lautet Burn-On. Beschrieben haben ihn Bert te Wildt, Chefarzt der Psychosomatischen Klinik Kloster Dießen am Ammersee, und der leitende Psychologe Timo Schiele in ihrem Buch „Burn On. Immer kurz vorm Burn Out“ (Droemer Knaur 2021).
  • Kennzeichen: hohes Leid, aber kein Leistungs-Einbruch. Der Zustand wird oft jahrelang ausgehalten und mutiert zum normalen Lebensgefühl. Es wird jedoch immer anstrengender die Leistung zu bringen.
  • Ein Gedanke, an dem du es erkennst: „Es ist ja sonst keiner da, der es macht.“
  • Betroffen sind überdurchschnittlich Frauen zwischen 45 und 55 mit hoher Arbeitsethik — bei Frauen dieser Altersgruppe liegen die Burnout-Fehltage rund 60 Prozent über denen der Männer (AOK/WIdO, Datenjahr 2024).

Der Balanceakt, der keiner mehr ist

In den vergangenen Monaten habe ich Menschen interviewt — meist Frauen —, die ich als Gerne- und Vielleisterinnen bezeichne. Menschen, die versuchen, die Balance zwischen den Anforderungen ihres Berufslebens und den Herausforderungen im Privatleben gut hinzubekommen.

Was ich bei den meisten sah: Der Balanceakt ähnelte eher einem Spagat über einem Abgrund.

Und das Bemerkenswerte daran: Von außen sieht man es kaum. Die Arbeit wird gemacht. Die Kinder werden versorgt. Die Mutter bekommt ihren Anruf. Es funktioniert – du funktionierst.

Genau das ist der Punkt.

Burn-On: wenn Erschöpfung zum Normalzustand wird

Bert te Wildt und Timo Schiele haben für diesen Zustand einen eigenen Begriff geprägt: Burn-On.

Ihre Beobachtung aus der Klinik: Es gibt eine wachsende Gruppe von Menschen mit hohem Leidensdruck, bei denen es trotzdem nicht zum vollständigen Zusammenbruch kommt. Stattdessen treten ernste psychische und körperliche Folgen auf — nur eben schleichend, über Jahre.

Das Tückische ist die Gewöhnung. Der Zustand wird ausgehalten, bis er sich normal anfühlt. Innerlich klingt das dann so:

„Es ist ja sonst keiner da, der es macht. Ich muss halt.“

Total normal. Und keine andere Wahl.

Woran du es bei dir bemerkst

Ich stelle hier ausdrücklich keine Diagnose. Was ich aufliste, sind Muster, die mir in meiner Coachingpraxis und in Trainings immer wieder begegnen.

Im Kopf:

  • Du nimmst dir regelmäßig vor, besser auf dich zu achten. Doch dann kommt wieder irgendetwas dazwischen.
  • Du bemerkst deine eigenen Symptome — und ignorierst sie, um weiter zu funktionieren.
  • Erfolge fühlen sich nicht wie Erfolge an, sondern wie selbstverständlich und werden innerlich als erledigt abgehakt.

Im Körper:

  • Du wachst nachts auf, und der Kopf rast weiter und lässt sich nicht abschalten.
  • Kopfschmerzen, Rücken, Magen — der Hausarzt findet nichts Auffälliges.
  • Du bist müde und weißt nicht, ob es körperlich oder seelisch ist.

Im Verhalten:

  • Pausen überspringst du, um der Menge der Arbeit gerecht zu werden.
  • Hobbys sind irgendwann verschwunden, weil sie sich nur nach „noch-ein-to-do“ anfühlen.
  • Am Wochenende arbeitest du vor — damit die Woche zu schaffen ist.

Das ist der Punkt, an dem es unsichtbar bleibt:

Die Arbeit wird noch geschafft. Andere bemerken keine Leistungseinbrüche. Nach außen funktioniert alles.

Doch all die schönen Dinge, die Kraft bringen können, die fallen nach und nach weg. Familiäre Erlebnisse (Geburtstage, Feiern) werden nur noch wie eine neue Aufgabe gesehen.

Das ist das wahre Problem. Nicht die Leistung sinkt — das Leben verschwindet.

Eine Frau beschreibt es in einem Forum so: „… die ich aber immer so gut es ging wegignoriert habe, um weiter zu ‚funktionieren‘ (ihr kennt das Spiel) … fühle mich getrieben und wie eine Versagerin.“

Achte auf die Anführungszeichen um „funktionieren“. Die setzt sie selbst. Sie weiß, dass das Wort etwas verrät.

Und eine andere: „Es ist verrückt, dass ich irgendwie trotzdem einfach immer weiter laufe, obwohl alles in mir Stopp schreit.“

Was die Zahlen sagen

Diese Erschöpfung ist kein persönliches Versagen. Sie ist in Deutschland statistisch messbar — und sie trifft Frauen in der Lebensmitte am härtesten.

KennzahlFrauenMännerQuelle
Fehltage wegen psychischer Störungen (je 100 Versicherungsjahre, 2025)477299TK-Gesundheitsreport 2026
Burnout-Fehltage 50–54 Jahre (je 1.000 Mitglieder, 2024)246151AOK/WIdO Fehlzeiten-Report 2025
Krankenstand 50–54 Jahre (2025)6,57 %5,18 %TK-Gesundheitsreport 2026
Drei und mehr psychosomatische Beschwerden (Vollzeit)53 %35 %BAuA, Arbeitswelt im Wandel 2025

Zwei Zahlen dazu, die ich besonders wichtig finde:

Bei Frauen sind psychische Störungen seit 2025 die Diagnosegruppe mit den meisten Fehltagen überhaupt. Bei Männern liegen sie auf Rang 2. (TK-Gesundheitsreport 2026)

Burnout-Fehltage insgesamt sind gegenüber 2015 um 83 Prozent gestiegen. (AOK/WIdO, Datenjahr 2024)

Mental Load

Es gibt einen Grund, warum die Zahlen bei Frauen so viel höher liegen. Und er hat mit der Arbeit im Job nur zur Hälfte zu tun.

Frauen tragen überwiegend die unsichtbare mentale Belastung und Verantwortung, ständig an alle organisatorischen, vorausschauenden und alltäglichen Aufgaben im Haushalt, in der Familie oder im Beruf denken und diese koordinieren zu müssen.
Das beinhaltet:

  • Die unsichtbare Denkarbeit: den gesamten Prozess zu planen, Bedürfnisse vorauszusehen und den Überblick zu behalten
  • Der Kopf rattert unablässig: die To-Do-Liste im Gehirn läuft permanent im Hintergrund weiter
  • Gesellschaftliche Verteilung: vor allem Frauen tragen in Familien oft den Hauptanteil dieser Verantwortung, was zu einer ungleichen Verteilung der Sorgearbeit (Care-Arbeit) führt
  • Das Gefühl der Überforderung: das ständige Empfinden, weder dem Job, der Familie noch den eigenen Bedürfnissen gerecht zu werden

Und genau hier schließt sich der Kreis zum Burn-On: Mental Load produziert keine Fehltage. Er produziert auch keine sichtbare Überlastung. Er sorgt nur dafür, dass der Feierabend keiner ist.

Wie groß dieser Anteil ist, zeigen die Zahlen zur Pflege: 60,4 Prozent der pflegenden Angehörigen in Deutschland sind Frauen — unter den hochbelasteten sind es sogar 66,5 Prozent. Fast die Hälfte der erwerbstätigen Pflegenden gilt als hochbelastet. (WIdOmonitor 1/2026, Erhebung Herbst 2025)
Das ist die Doppelbelastung, die in keiner Personalstatistik auftaucht — und die den Unterschied zwischen den Geschlechtern in den Krankenkassendaten am besten erklärt.

Warum es ausgerechnet die Zuverlässigsten trifft

Ich treffe als Trainerin und Coach in meinen Hauptarbeitsfeldern Justiz, Klinik und Verwaltung in der Regel auf Menschen wie dich: hohe Arbeitsethik, Verantwortungsbewusstsein und Kollegialität.
Menschen, die erkennen, was notwendig ist, und sich reinhängen, weil sie die Not sehen und etwas daran ändern wollen.
Dass diese Beobachtung kein Zufall ist, zeigt der DAK-Psychreport 2025: In Nordrhein-Westfalen liegt die öffentliche Verwaltung mit 455 Fehltagen je 100 Beschäftigte auf Rang 2 aller Branchen — direkt hinter dem Gesundheitswesen.
Anders gesagt: Es sind genau die Bereiche, in denen Menschen arbeiten, die nicht einfach gehen, wenn es eng wird.

Ich ziehe meinen Hut vor dir, wenn du zu dieser Gruppe gehörst.
Und gleichzeitig tut es mir im Herzen weh, wenn die Auswirkungen von außen immer deutlicher zu erkennen sind.

Die Sauerstoffmaske

Wenn du das weiterhin leisten willst, dann ist die erste Aufgabe für dich: Kümmere dich um dich selbst.

So wie im Flugzeug die Anweisung immer lautet: „Nimm dir bei Druckabfall als erstes die Sauerstoffmaske und erst danach kümmere dich um Menschen, die das nicht alleine schaffen.“

Niemand hält das für egoistisch. Es ist schlicht die einzige Reihenfolge, die funktioniert.
Wenn du dich immer hinten anstellst, geht das irgendwann kolossal schief.

Ein Klient aus dem Verwaltungsteam einer großen Justizbehörde in Karlsruhe hat mir nach unserer Zusammenarbeit geschrieben: „Ich erkannte allmählich, welche Bereiche ich mir aus einer Schutzfunktion heraus über die vielen Jahre hinweg selbst abgeschnitten hatte und warum ich dies getan hatte. Ich erkannte nun auch den hiermit verbundenen Qualitätsverlust für mein Leben.“

Wann Coaching nicht reicht

Das ist mir wichtig, und ich sage es lieber zu deutlich als zu leise.
Ich arbeite heutzutage als Coach — auch wenn ich (seit 1987) Heilpraktikerin bin und im Gesundheitsbereich arbeiten darf.

Ich begleite Frauen in frühen Stadien von Erschöpfung — dort, wo noch Selbstwirksamkeit da ist. Wo du noch etwas selbst in die Hand nehmen kannst, auch wenn es sich schwer anfühlt.
Coaching ist der richtige Weg, wenn du dich zwar durchschleppst, aber noch handlungsfähig bist. Wenn du merkst: Ich will etwas verändern, ich weiß nur nicht, wie ich drankomme.
Da kann ich dich auch bei körperlichen Symptomen unterstützen.

Coaching ist NICHT der richtige Weg, wenn du gar nichts mehr selbst bewegen kannst. Wenn du morgens nicht mehr aufstehst. Wenn du seit Wochen nicht mehr schläfst. Wenn dich nichts mehr freut. Wenn du Gedanken hast, dir selbst etwas anzutun.

Dann gehörst du in ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung — und zwar zuerst. Bitte geh zu deiner Hausärztin. Sie ist der richtige erste Schritt, auch wenn Therapieplätze schwer zu bekommen sind.

Und wenn es akut ist, brauchst du nicht bis zum nächsten Termin zu warten. Diese Stellen sind rund um die Uhr erreichbar, kostenfrei und anonym:

  • Deutschland: Telefonseelsorge — 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123
  • Österreich: Telefonseelsorge — 142
  • Schweiz: Die Dargebotene Hand — 143
  • Bei akuter Gefahr: Notruf 112

Wenn dir Anrufen zu viel ist: Die Telefonseelsorge berät auch per Chat und Mail über telefonseelsorge.de — ebenfalls anonym. Für viele Frauen, die es gewohnt sind zu funktionieren, ist das die niedrigere Schwelle.

Coaching ist kein Ersatz für ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung. Und ich stelle keine Diagnosen — auch nicht in diesem Artikel.
Das Burn-On-Konzept von te Wildt und Schiele stammt aus einer psychosomatischen Klinik. Wenn du dich darin sehr wiedererkennst, ist das ein Grund, ärztlichen Rat zu suchen, und nicht nur ein Grund, ein Coaching zu buchen.

Prüfe mal

Wenn du bis hierher gelesen hast, dann lass uns kurz innehalten. Ich habe eine Frage an dich:

Wie oft nimmst du dir vor, besser auf dich zu achten — und dann kommt wieder irgendetwas oder irgendjemand dazwischen?

Nicht theoretisch. Denk an die letzten vier Wochen.
Wenn dir dazu mehr als zwei Situationen einfallen, ist das kein Zufall. Und auch keine Disziplinfrage.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Burnout und Burn-On?

Beim Burnout kommt es zum Zusammenbruch — irgendwann geht nichts mehr. Beim Burn-On beschreiben te Wildt und Schiele einen Zustand mit hohem Leidensdruck, bei dem der Zusammenbruch ausbleibt. Man funktioniert weiter, oft über Jahre. Genau deshalb wird er so lange übersehen.

Was ist ein stiller Burnout?

„Stiller Burnout“ ist kein medizinischer Fachbegriff, sondern eine alltagssprachliche Beschreibung für dasselbe Phänomen: Erschöpfung, die nach außen unsichtbar bleibt, weil die Leistung weiterhin erbracht wird. Der fachliche Begriff dafür ist Burn-On.

Wie merke ich, dass ich zu viel arbeite?

Ein verlässlicher Hinweis sind die Pausen: Werden sie regelmäßig übersprungen, um der Menge der Arbeit gerecht zu werden? Ein zweiter ist der Körper — Schlaf, Kopfschmerzen, Verspannungen. Und ein dritter: Erfolge fühlen sich nicht mehr wie Erfolge an, sondern werden nur abgehakt.

Wichtig: Die Arbeit wird noch geschafft — andere bemerken keine Leistungseinbrüche. Doch all die schönen Dinge, die Kraft bringen können, die fallen nach und nach weg. Familiäre Erlebnisse werden nur noch wie eine neue Aufgabe gesehen.

Was hat Mental Load mit Burnout zu tun?

Mental Load ist die unsichtbare Denkarbeit: planen, vorausdenken, den Überblick behalten, koordinieren. Sie erzeugt keine Fehltage und keine sichtbare Überlastung — sie sorgt nur dafür, dass der Feierabend keiner ist. Genau deshalb passt sie zum Burn-On: Beides bleibt unter der Wahrnehmungsschwelle, solange die Leistung stimmt.

Sind Frauen häufiger betroffen als Männer?

Nach den Krankenkassendaten ja, deutlich. Bei den 50- bis 54-jährigen Frauen liegen die Burnout-Fehltage rund 60 Prozent über denen gleichaltriger Männer (AOK/WIdO, Datenjahr 2024). Bei Frauen sind psychische Störungen inzwischen die Diagnosegruppe mit den meisten Fehltagen überhaupt (TK-Gesundheitsreport 2026).

Ist Burn-On eine anerkannte Diagnose?

Nein. Burn-On ist ein Konzept, das te Wildt und Schiele aus ihrer klinischen Arbeit beschrieben haben — kein Eintrag in der internationalen Diagnoseklassifikation. Es ist ein hilfreicher Begriff für ein reales Phänomen, aber keine Diagnose, die du dir selbst stellen kannst oder solltest.

Hilft Coaching bei Burnout?

Bei früher Erschöpfung, solange Selbstwirksamkeit vorhanden ist: ja. Bei einem voll ausgeprägten Burnout mit Therapieindikation: nein. Dann ist ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung der erste Schritt. Die Unterscheidung steht oben unter „Wann Coaching nicht reicht“.

Ein erster kleiner Schritt

Oft verändert etwas Kleines am Ende mehr als etwas Großes, das viel verspricht und viel Zeit braucht.

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Ich bin Carmen Reuter, Coach für leistungsstarke Frauen 45+ aus Justiz, Verwaltung, Klinik und Wirtschaft. Seit über 35 Jahren arbeite ich mit Frauen, die von außen aussehen, als hätten sie alles im Griff — ich nenne sie Gerne- und Viel-Leisterinnen. Nur mit der Zeit laugt das aus. Jahrelang arbeitete ich selbst verbissen; die Migräne zog mir immer wieder mal den Stecker.

Einsatz von KI:
Meine Texte schreibe ich selbst. KI nutze ich als Werkzeug für Recherche, Korrektur und sprachlichen Feinschliff – die Gedanken, die Haltung und die Erfahrung dahinter sind meine eigenen.