Sich für alles verantwortlich fühlen: Warum du es wichtig finden darfst, ohne es zu tun
Aktualisiert:
Erstellt:
Lesedauer:

„Ich würde es niemals NICHT tun … das ist doch das, was man von uns erwartet…
Doch ja – allein ist es eine Menge.„
Über diesen Satz einer Frau bin ich gestolpert: sie 51 Jahre alt, Personalleiterin, alleinerziehend, daneben kümmert sie sich um ihre Mutter, die dement ist.
Der Satz ist mir aufgefallen, weil er nach Verpflichtung und Überlastung klingt UND gleichzeitig nicht in Frage gestellt wird. Es ist einfach eine Selbstverständlichkeit: Da beschwert sich niemand. Da verhandelt niemand. Da steht eine Entscheidung, die nie bewusst getroffen wurde.
Dann kommt der zweite Teil, fast entschuldigend hinterhergeschoben: Doch ja – allein ist es eine Menge. Die Last kommt bei ihr vor. Nur eben erst nach dem „doch“.
Und ich höre ähnliches viel zu häufig von den Gerne- und Viel-Leisterinnen, mit denen ich arbeite.
Die meisten Frauen, mit denen ich arbeite, können übrigens Nein sagen.
Wirklich!
Sie sind klug, sie sind erfahren, viele von ihnen führen Teams und treffen den ganzen Tag Entscheidungen, die andere sich nicht zutrauen. Das Problem ist ein anderes: Bei bestimmten Dingen kommt es gar nicht erst zur Frage. Zwischen „Ich sehe, dass da etwas zu tun ist“ und „Ich mache das“ liegt bei ihnen kein Moment des Überlegens. Da liegt nur ein reflexartiges in Aktion springen.
Das Wichtigste in Kürze
- Das Problem ist selten das Nein. Das Problem ist, dass die Zuständigkeit gar nicht erst geprüft wird.
- „Wichtig“ und „meine Aufgabe“ sind zwei verschiedene Dinge. Sie vermischen sich nur.
- Zuverlässigkeit zieht Aufgaben an. Je besser du etwas kannst, desto größer wird dein unsichtbarer Zuständigkeitsbereich.
- Zwei Wörter verraten dir, dass du gerade nicht geprüft hast: „nur“ und „natürlich“.
- Wer die Konsequenz sieht, hält sich automatisch für zuständig, sie zu verhindern. Genau da liegt der Denkfehler.
Diesen in Aktion-springen-Reflex kenne ich gut. Aus meinem eigenen Leben, und aus vielen Coachings, die ich führe.
Zum Beispiel aus diesem hier:
Rita ist Mitte 50, ihr Vater bald 90. Noch immer muss er nur die Stirn runzeln, und sie stellt sich und ihre Ideen in Frage. Wenn er etwas will, macht sie es möglich. Nimmt sie sich vor, dieses Mal standzuhalten, wird er laut und schimpft über ihre Undankbarkeit. Dann rudert sie zurück. Und ärgert sich hinterher über sich selbst. (Name und Details geändert.)
- Ist sie finanziell von ihm abhängig?
- Ist er der einzige Mensch in ihrem Leben?
- Hat er nur sie, die ihn unterstützen kann?
Dreimal Nein.
Rita hat einen anspruchsvollen Beruf und führt ihr Team erfolgreich. Ihre Kinder sind längst ausgezogen und kommen trotzdem oft. Ihre Ehe ist gut, ihr Mann unterstützt sie. Der einzige Streitpunkt zu Hause: Wenn ihr Vater pfeift, springt sie.
„Du hast doch zwei Brüder, die können sich auch kümmern.„
Können sie. Sie tun es nur nicht. Der Kontakt zum verwitweten Vater beschränkt sich bei beiden auf das Allernötigste, und Ritas Bitten um Unterstützung sind abgelehnt worden, mit zwei Sätzen, die ich mir gemerkt habe:
- Sie hätten zu viel zu tun.
- Und sie wisse doch viel besser, was er brauche.
Rita versteht das Problem vollständig. Sie weiß, dass sie Nein sagen könnte. Nur innerlich gibt es diese Möglichkeit trotzdem nicht: Sie ist die, die umsetzt. Die, die Probleme löst.
Wenn du diesen Artikel gefunden hast, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass du Ritas Innenwelt erkennst.
Von dir selbst. Diese Mischung aus Können, Mitdenken und Anstand, also aus lauter Dingen, die man dir eigentlich hoch anrechnen sollte, die nur leider auch gerne ausgenutzt wird.
Es geht in diesem Artikel deshalb nicht darum, dass du weniger fürsorglich wirst. Es geht um einen einzigen fehlenden Prüfschritt. Und um den Satz, um den sich am Ende alles dreht:
Du darfst etwas wichtig finden, ohne es zu deiner Aufgabe zu machen.
Inhaltsverzeichnis
Sich für alles verantwortlich fühlen: woher das kommt
Der Mechanismus ist erstaunlich schlicht. Er läuft in drei Schritten ab, und die ersten beiden sind völlig in Ordnung:
- Ich sehe eine Lücke.
- Ich könnte sie schließen.
- Also sollte ich.

Schritt drei ist der, der nicht stimmt. Er folgt logisch überhaupt nicht aus den ersten beiden. Aber er fühlt sich an, als würde er es tun, und deshalb bemerkt man ihn nicht. Etwas zu bemerken, macht es noch nicht zu deinem Problem.
Dass daraus ein Dauerzustand wird, liegt an einer Kleinigkeit: Es reicht schon, gebraucht werden zu können. Dieselbe Frau aus dem Interview sagt es an einer Stelle so:
„Du kannst dein eigenes Leben bis zu einem gewissen Grad gar nicht aufbauen, weil du ständig das Gefühl hast, gebraucht werden zu können.“
Das ist etwas anderes als gebraucht werden. Sie sagt nicht, dass ständig jemand anruft. Sie sagt, dass die bloße Möglichkeit reicht, um sie in Bereitschaft zu halten. An anderer Stelle: „Ich fühle mich, als wäre ich immer auf Abruf.“
Auf Abruf zu sein kostet keine Zeit. Es kostet die Fähigkeit, etwas anderes ganz zu tun.
Überverantwortlichkeit: wenn aus Mitdenken Zuständigkeit wird
Es gibt einen Fachbegriff dafür: Überverantwortlichkeit. Manche sprechen auch von Überverantwortung oder von einem übersteigerten Verantwortungsgefühl. Gemeint ist immer dasselbe Muster:
Du fühlst dich für Dinge zuständig, für die du sachlich nicht zuständig bist, für Aufgaben, für Abläufe, oft auch für die Stimmung und die Gefühle anderer Menschen.
Der Begriff hilft, weil er eine Sache klarstellt: Es geht nicht um zu viel Verantwortung. Es geht um falsch verteilte Verantwortung. Wer überverantwortlich ist, trägt selten zu schwer an dem, was wirklich seins ist. Er trägt zusätzlich das, was anderen gehört.
Wenn du zu dem Thema liest, landest du schnell bei der Parentifizierung: bei Kindern, die früh Aufgaben oder Rollen ihrer Eltern übernommen haben, Trösten, Vermitteln, Organisieren, Funktionieren. Das ist ein wichtiger Strang, und für viele der Frauen, mit denen ich arbeite, erklärt er tatsächlich einen großen Teil. In meinen Kursen kommt dieses Muster regelmäßig zur Sprache, auch ohne dass wir das Wort benutzen.
Nur greift es mir allein zu kurz. Denn Überverantwortlichkeit entsteht nicht nur in der Kindheit. Sie entsteht auch mit 34 im ersten Team, das du übernimmst. Mit 41, als du die Einzige warst, die den Prozess wirklich verstanden hat. Mit 52, als deine Eltern älter wurden und einer anfangen musste, schwere Entscheidungen zu treffen.
Du bist nicht so. Du hast dich so entwickelt. Und zwar nicht an einem einzigen Punkt, sondern in vielen kleinen Momenten, in denen es sinnvoll war, dass du übernimmst, und in denen niemand danach noch einmal geprüft hat, ob es das immer noch ist.

„Sie kann es doch besser“
Zurück zu Rita und den zwei Sätzen ihrer Brüder.
Der erste ist eine Aussage über Kapazität: Wir haben zu viel zu tun. Darüber ließe sich streiten, aber immerhin ist es eine ehrliche Absage. Achtung: niemand fragt, wie viel Rita zu tun hat.
Der zweite ist der interessante: Du weißt doch viel besser, was er braucht. Der Satz klingt wie ein Kompliment. Er ist aber eine Zuweisung, und zwar eine besonders elegante, weil sie sich schwer ablehnen lässt, ohne dass Rita sich selbst kleinredet.
Vor allem stimmt er sogar. Rita weiß tatsächlich besser, was ihr Vater braucht. Sie weiß es, weil sie es seit Jahren macht. Ihre Kompetenz ist nicht der Grund für die Arbeitsteilung. Sie ist ihr Ergebnis.
Das Argument dreht sich also im Kreis: Sie ist zuständig, weil sie es besser kann, und sie kann es besser, weil sie zuständig ist.
Die Gegenprobe liefert ein anderer Fall einer Klientin. Auch dort eine Frau um die 50, auch dort Elternpflege, auch dort zwei Brüder, ein Bruder vor Ort.
Nur lautet die Begründung diesmal anders: Er ist Direktor, sie ist beruflich (nur) Abteilungsleiterin und arbeitet (nur) 70%. Ihre beiden Kinder gehen noch zur Schule, das ist ihr wichtig und sie ist sehr engagiert. Da habe sie doch mehr Zeit als er.
Dann gibt es noch einen zweiten Bruder, Mechatroniker in einem großen Automobilzulieferer, also der mit den festen Arbeitszeiten und der 35-Stunden-Woche. Trotzdem landet die Aufgabe auch nicht bei ihm.

Damit fällt auch dieses Argument in sich zusammen. Wenn wirklich der Rang entschiede, müsste der Mechatroniker übernehmen. Tut er nicht.
Einmal Kompetenz, einmal Rang. Zwei völlig verschiedene Begründungen, und beide Male dasselbe Ergebnis: Es bleibt bei ihr. Das ist der Hinweis darauf, dass die Begründung nie der Grund war.
Niemand hat das je beschlossen. Es ergibt sich.
Hinterher findet sich immer ein Argument, warum es sich genau so ergeben musste.
Zu viel Verantwortung übernehmen: warum ausgerechnet die Zuverlässigen ständig zuständig werden
Hier kommt der Teil, der ungerecht ist
Aufgaben verteilen sich nicht nach Zuständigkeit. Sie verteilen sich nach Wahrscheinlichkeit. Sie gehen dorthin, wo sie am sichersten erledigt werden. Und das ist die Person, die mitdenkt, die vorausschaut, die Dinge zuerst bemerkt und die man nicht zweimal erinnern muss.
Es ist eine Beobachtung aus meinem eigenen Leben und aus der Arbeit mit meinen Klientinnen, und sie gilt so verlässlich, dass ich sie inzwischen als Satz formuliert habe:
Kompetenz erzeugt Zuständigkeit.
Nicht formal. Niemand schreibt dich irgendwo ein. Aber praktisch: Wer etwas gut kann, wird gefragt. Wer gefragt wird und Ja sagt, wird wieder gefragt. Wer zweimal Ja gesagt hat, wird beim dritten Mal nicht mehr gefragt, sondern eingeplant. Irgendwann wird aus zuverlässig offenbar jederzeit verfügbar. Selbstverständlich verfügbar.
Am Ende ist es keine Aufgabenverteilung mehr, sondern eine Beschreibung der Person. Ritas Satz lautet nicht „Ich habe das übernommen“. Er lautet: Ich bin die, die es umsetzt. Gegen einen Satz über sich selbst lässt sich schlecht Nein sagen.
Eine Teilnehmerin meines Kurses hat das einmal so beschrieben, und sie hat es lachend gesagt, was es nicht harmloser macht:
„Es ist ja ein Stück weit auch wie eine Sucht, dass alle sagen: Oh, da musst du zu ihr gehen, die kann dir helfen.“
Genau das ist der Punkt, an dem es kippt. Der Satz „Frag doch mal sie“ ist ein Kompliment. Und er ist gleichzeitig eine Zuweisung. Beides zusammen ist schwer abzulehnen, weil man mit dem Nein zur Aufgabe scheinbar auch das Kompliment zurückgibt.
Muss man aber nicht. Zuverlässigkeit ist keine Bereitschaftserklärung für Zusatzaufgaben. Du darfst kompetent sein, ohne zur Ausfallversicherung für alle anderen zu werden.

Wenn du an dieser Stelle merkst, dass bei dir noch ein zweiter Antrieb mitläuft, der Anspruch, dass es richtig gemacht wird, und zwar von dir, dann lohnt der Artikel darüber, warum Perfektionisten kein Nein sagen können. Die beiden Muster verstärken sich gegenseitig.
Zwei Wörter, die verraten, dass du nicht geprüft hast
Es gibt zwei Wörter, an denen du dich selbst erwischen kannst. Sie tauchen genau dann auf, wenn die Zuständigkeitsprüfung ausgefallen ist.
Das erste ist „nur“.
„Kannst du nur kurz …“ · „Es wäre nur dieses eine Mal …“ · „Ich muss da nur schnell hinfahren …“
„Nur“ verkleinert die Aufgabe. Es verkleinert nicht die Verantwortung, die daran hängt. Die Fahrt dauert eine Stunde, die Erwartung, dass du fährst, kostet dich mit der Zeit Jahre. Ein einmaliges Einspringen kostet einen Abend. Ein einmaliges Einspringen, das zur Regel wird, kostet die Vorstellung, dass du auch mal nicht kannst.
Das zweite ist „natürlich“.
„Natürlich fahre ich hin.“ · „Natürlich mache ich das.“ · „Natürlich springe ich ein.“
Dieses Wort ist das ehrlichere von beiden, weil es genau sagt, was passiert ist: Es wurde nichts entschieden. Wo „natürlich“ steht, hat gar keine Prüfung mehr stattgefunden. Der Reflex hat geantwortet, bevor du hingesehen hast.
Nur dass „natürlich“, gleichzeitig auch selbstverständlich aktiviert. Dann bekommst du noch nicht einmal mehr ein Danke oder eine Anerkennung für die Übernahme der Aufgabe.

Du musst deshalb nicht aufhören, diese Wörter zu benutzen. Aber wenn du sie hörst, bei dir oder bei jemand anderem, ist das der Moment, in dem sich das Nachfragen lohnt.
Sich für alles verantwortlich fühlen im Beruf
Im Beruf sieht das Muster anders aus als zu Hause, weil es dort besser getarnt ist. Es heißt nicht Fürsorge. Es heißt Engagement.
In der Medizin gibt es dafür einen treffenden Ausdruck: „office housework“, Bürohausarbeit. Die American Association of Women Emergency Physicians beschreibt damit einen Zusatzaufwand, der überproportional bei Frauen landet: emotionale Arbeit, Mentoring, Kümmern, Organisieren, das Fest planen, die neue Kollegin einarbeiten, die Stimmung im Team im Blick behalten. Alles davon ist nötig. Fast nichts davon steht in einer Beurteilung.
In derselben Recherche findet sich eine Ärztin, die schildert, dass sie Dinge drei- oder viermal ansprechen muss, bis ihr zugehört wird, und dass es manchmal erst wirkt, wenn ein männlicher Kollege dasselbe sagt. Als sie ihre Arbeitsbelastung zur Sprache bringt, schlägt ihr Vorgesetzter vor, die Arbeitszeit zu reduzieren.
Lies den letzten Satz gern noch einmal. Sie beschreibt ein Verteilungsproblem der anfallenden Arbeiten. Er hört ein Kapazitätsproblem. Die Aufgaben bleiben, wo sie sind, doch sie bekommt das Etikett: nicht belastungsfähig.
Ein zweiter Fall, den ich aus meiner Arbeit mit Führungskräften kenne: Eine Frau hatte über Jahre nicht nur Verantwortung für ihre Entscheidungen übernommen, sondern zusätzlich dafür, dass sich alle Beteiligten mit diesen Entscheidungen gut fühlen.
Bei jeder strategischen Frage lief in ihrem Kopf ein zweites Verfahren mit: Wie werden die Ranghöheren reagieren? Wer könnte sich übergangen fühlen? Erst spät hat sie den Satz gefunden, der beides trennt: die Gefühle der anderen sind nicht ihre Verantwortung.
Ihre Entscheidung nachvollziehbar zu machen: ja. Dafür zu sorgen, dass niemand sich unwohl fühlt: nicht möglich. Und deshalb auch nicht ihre Aufgabe.
Für den Alltag hilft mir dabei eine einzige Unterscheidung. „Ich möchte nicht helfen“ ist etwas völlig anderes als „Ich möchte nicht jedes organisatorische Loch persönlich stopfen.“
Das Erste würdest du nie sagen. Das Zweite darfst du sagen, und die meisten Frauen, mit denen ich arbeite, sind erleichtert, wenn sie merken, dass die beiden Sätze nicht dasselbe sind.
Ein Wort noch zu einem Begriff, der hier gern auftaucht: Vieles davon wird unter Mental Load verhandelt, also unter der Frage, wer die unsichtbare Organisationsarbeit trägt. Das ist ein eigenes, großes Thema, und ich schreibe dazu einen eigenen Artikel. Hier geht es um die Stufe davor: nicht darum, wie die Arbeit verteilt ist, sondern warum du dich überhaupt für sie zuständig fühlst.
Sich nicht mehr für alles verantwortlich fühlen: vier Prüfsteine
Jetzt der praktische Teil. Es sind vier Fragen, und ihr ganzer Sinn besteht darin, den fehlenden Schritt wieder einzubauen, den zwischen „Ich sehe es“ und „Ich mache es“.
| Die Frage | Was sie trennt |
|---|---|
| Ist es wichtig? | Bedeutung |
| Bin ich tatsächlich zuständig? | Verantwortung |
| Bin ich die Einzige, die es tun kann? | Alternativen |
| Was passiert, wenn ich es nicht übernehme? | Konsequenzen |

Die erste Frage beantwortest du fast immer mit Ja. Genau darum geht es. Es ist wichtig. Nur muss daraus nicht gleich eine Aufgabe für dich erwachsen.
Eine Warnung gleich vorweg, damit du nicht enttäuscht wirst: Rita hat diese Fragen längst beantwortet. Sie ist nicht finanziell abhängig, sie ist nicht auf ihren Vater angewiesen und er hat noch andere Kinder.
Dreimal Nein, und sie springt trotzdem, wenn er pfeift.
Die Fragen lösen das Gefühl nicht auf. Was sie leisten, ist etwas anderes und trotzdem viel: Sie geben dir eine Antwort, mit der du arbeiten kannst, wenn das Gefühl sofort vermittelt, du seist zuständig.
„Muss es gemacht werden?“ und „Muss ich es machen?“ sind zwei verschiedene Fragen. Wenn du merkst, dass du beide gleichzeitig beantwortest, hast du die zweite übersprungen.
Dann gibt es noch eine fünfte, die wichtiger ist als alle vier zusammen:
Ist die Konsequenz wirklich meine? Bin ich wirklich verantwortlich für die Auswirkungen?
Drei Beispiele dafür, wie das im Alltag aussieht:
- Ein Kollege gerät unter Druck, weil er zu spät angefangen hat. Daraus folgt nicht, dass du ihn rettest.
- Ein erwachsenes Familienmitglied vergisst regelmäßig Termine. Daraus folgt nicht, dass du dauerhaft die Erinnerungsfunktion übernimmst.
- Im Team fehlt Personal. Daraus folgt nicht, dass du das unbegrenzt mit Überstunden ausgleichst.
In allen drei Fällen ist die Konsequenz real. In allen drei Fällen ist sie nicht deine zu tragen. Der Denkfehler liegt darin, dass wir die Konsequenz sehen und uns allein dadurch schon für zuständig halten, sie zu verhindern.
Wenn du an dieser Stelle innerlich hörst: „Ja, aber wenn ich’s nicht mache, macht’s keiner“, dann ist das kein Argument, sondern ein Glaubenssatz. Er lässt sich prüfen und verändern, und wie das geht, habe ich in dem Artikel darüber beschrieben, wie du negative Glaubenssätze auflöst.
Wenn die Konsequenz wirklich real ist
Jetzt der ehrliche Einwand, ohne den mir dieser Artikel zu leicht wäre.
Es gibt Fälle, in denen der Rat „Dann mach es eben nicht“ schlicht nicht funktioniert. Eine Klientin, Ende 50, bei der alles Organisatorische ihres Mannes hängen bleibt: Arzttermine, Papierkram, Versicherungen. Wenn sie die Autoversicherung nicht erledigt, fährt er unversichert. Wenn er nicht zu seinen Kontrolluntersuchungen geht, steigt die Gefahr einer schweren Verschlechterung seines Zustandes.
Diese Frau denkt völlig rational. Sie hat keinen Denkfehler. Die Konsequenz ist real, sie ist ernst, und sie trifft nicht nur ihn.
Trotzdem ist die Frage, die sie sich stellt, die falsche. Sie fragt: „Kann ich das liegen lassen?“ Die Antwort darauf ist Nein, und damit ist das Gespräch zu Ende, bevor es angefangen hat.
Die bessere Frage lautet: „Bin ich dafür zuständig, die Konsequenz zu verhindern?“
Die Antwort darauf ist nicht Ja oder Nein. Sie ist der Anfang eines anderen Gesprächs, das sie noch nie ernsthaft geführt hat: eines darüber, wer künftig welchen Teil übernimmt. Solange sie schweigend rettet, gibt es diesen Anlass nie. Das Unversicherte ist kein Argument dafür, dass sie zuständig ist. Es ist ein Argument dafür, dass jemand es sein muss.
Verantwortung portionieren
Der zweite Ausweg aus dem Alles-oder-nichts: Verantwortung ist teilbar. Das klingt banal, wird aber praktisch fast nie genutzt, weil im Kopf nur zwei Möglichkeiten stehen, ganz übernehmen oder ganz ablehnen.
So sieht die dritte Möglichkeit aus:
- „Ich übernehme X. Y braucht eine andere Lösung.“
- „Ich kann heute 20 Minuten helfen. Die Organisation übernehme ich nicht.“
- „Ich komme mit zum Gespräch. Die Terminplanung bleibt bei dir.“
In der Recherche gibt es dafür ein schönes Beispiel: eine Tochter, 57, die für ihre Mutter Entscheidungen mitträgt und regelmäßig da ist, aber die körperliche Pflege nicht übernimmt. Ihr Satz dazu: „Aber das ist nicht meine Verantwortung.“
Sie zieht sich nicht zurück. Sie hat sich nicht abgegrenzt im Sinne von „Ist mir egal“. Sie hat entschieden, welchen Teil sie trägt. Das ist ein Unterschied, den man von außen kaum sieht und innen sehr deutlich spürt.

Warum sich Verantwortung abgeben trotzdem falsch anfühlt
Ich will dir nichts versprechen, was nicht stimmt. Das Gefühl verschwindet nicht mit der Einsicht. Es verschwindet nicht einmal mit der Lösung.
Hör dir an, wie eine Frau von Anfang 60 über ihre Elternpflege spricht:
„Ich werde mich nicht völlig aufopfern, weil ich sichergehen möchte, dass ich Zeit habe, mein eigenes Leben zu leben.“
Ein klarer Satz. Sie hat es geschafft, sie steht dazu, sie kann es formulieren. Und direkt danach sagt sie:
„Ich nehme an, man könnte sagen, dass ich egoistisch bin.“
Sie ist am Ziel, und greift trotzdem noch zum Wort egoistisch. Ich finde diese Wortwahl belastend, denn SO will sie doch auf keinen Fall sein.
Doch: Wenn du dich schlecht fühlst, während du etwas abgibst, ist das kein Zeichen dafür, dass du falsch entschieden hast. Es ist nur die alte Zuständigkeit, die sich meldet und die das falsche Etikett nutzt: egoistisch.
Meine Empfehlung stattdessen: „Ich nehme an, man könnte sagen, dass ich mich AUCH um mich kümmere.“
Ähnlich klingt es bei einer anderen Klientin, die im Konjunktiv um eine Erlaubnis bittet, die ihr niemand geben kann außer ihr selbst:
„Ich habe genug Jahre hier gearbeitet, dass ich das Recht haben sollte, mich ein bisschen zu entspannen …“
„Das Recht haben sollte.“
Nicht „habe“. Sie führt Belege an, genug Jahre gearbeitet, und kommt trotzdem nur bis zum Konjunktiv. Das ist der Punkt, an dem in meinen Kursen die inneren Antreiber zur Sprache kommen: die alten Regeln, nach denen wir großartig darin geworden sind, die Bedürfnisse anderer zu erfüllen, und ziemlich schlecht darin, unsere eigenen überhaupt zu bemerken.
Wie sich das ändern lässt, ohne dass du ein anderer Mensch werden musst, ist genau das Thema meines Online-Kurses Nein sagen ohne Schuldgefühle. Wenn du erst einmal in Ruhe anfangen willst: Hier steht, wie du Nein sagen lernen kannst.
Und wenn du dir aus diesem ganzen Artikel nur einen Satz mitnimmst, dann diesen:
Du darfst etwas wichtig finden, ohne es zu deiner Aufgabe zu machen.
Häufige Fragen zum Verantwortungsgefühl
Warum fühle ich mich immer für alles verantwortlich?
Weil zwischen „Ich sehe, dass etwas zu tun ist“ und „Ich mache es“ ein Prüfschritt fehlt. Wer mitdenkt, bemerkt Lücken zuerst, und wer sie zuerst bemerkt, hält sich automatisch für zuständig, sie zu schließen. Dazu kommt der Verstärker: Zuverlässige Menschen werden häufiger gefragt, und aus wiederholtem Gefragtwerden wird stillschweigend eine Erwartung. Formal hat niemand dir diese Zuständigkeit gegeben. Praktisch hast du sie.
Warum fühle ich mich immer für alles schuldig?
Schuldgefühle entstehen dort, wo du glaubst, gegen eine Verpflichtung zu verstoßen. Wenn du dich unbemerkt für sehr viel zuständig fühlst, hast du entsprechend viele Verpflichtungen, und verstößt fast dauernd gegen eine davon, weil sie zusammen unerfüllbar sind. Das Gefühl zeigt in diesem Fall nicht an, dass du etwas falsch machst. Es zeigt an, dass dein Zuständigkeitsbereich zu groß ist.
Warum fühle ich mich für andere verantwortlich?
Für Aufgaben anderer Menschen fühlst du dich meist deshalb zuständig, weil du die Folgen kommen siehst. Für ihre Gefühle fühlst du dich zuständig, weil du früh gelernt hast, auf Stimmungen zu achten, im Elternhaus, im Beruf oder in beidem. Beides lässt sich trennen: Du kannst dafür sorgen, dass deine Entscheidung nachvollziehbar ist. Du kannst nicht dafür sorgen, dass sie allen gefällt. Der Versuch, es doch zu tun, ist einer der zuverlässigsten Wege in die Erschöpfung.
Was ist Überverantwortlichkeit?
Überverantwortlichkeit, auch Überverantwortung oder übersteigertes Verantwortungsgefühl, beschreibt das Muster, sich für Dinge zuständig zu fühlen, für die man sachlich nicht zuständig ist: für fremde Aufgaben, für Abläufe, für die Stimmung anderer. Kennzeichnend ist nicht die Menge der Verantwortung, sondern ihre Verteilung. Typische Anzeichen: Du übernimmst, bevor gefragt wird. Du fühlst dich unwohl, wenn etwas offen liegt, das niemand angeht. Und du begründest im Nachhinein, warum es sinnvoll war, dass ausgerechnet du es gemacht hast.
Was bedeutet es, wenn man sich mit allem überfordert fühlt?
Häufig bedeutet es, dass nicht die einzelnen Aufgaben zu schwer sind, sondern dass zu viele davon gleichzeitig als „meine“ verbucht werden, inklusive der Aufgaben, die eigentlich anderen gehören. Der erste Schritt ist deshalb selten, schneller zu werden. Er ist: zu sortieren, was davon wirklich deins ist.
Wenn dazu allerdings kommt, dass du seit Wochen nicht mehr schläfst, morgens nicht mehr aufstehen kannst oder dich nichts mehr freut, dann ist das keine Frage der Zuständigkeit mehr. Bitte sprich in dem Fall zuerst mit deiner Hausärztin. Coaching ist kein Ersatz für ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung.
Ist es egoistisch, Verantwortung abzugeben?
Nein, und dass sich die Frage überhaupt stellt, gehört zum Muster dazu. Verantwortung abzugeben heißt nicht, sich zurückzuziehen. Es heißt zu entscheiden, welchen Teil du trägst und welcher Teil woanders hingehört. Dass es sich trotzdem egoistisch anfühlt, ist normal und geht auch nicht sofort weg. Das Gefühl ist ein schlechter Schiedsrichter darüber, ob eine Entscheidung richtig war.
Einsatz von KI:
Meine Texte schreibe ich selbst. KI nutze ich als Werkzeug für Recherche, Korrektur und sprachlichen Feinschliff – die Gedanken, die Haltung und die Erfahrung dahinter sind meine eigenen.
- Leben verändern
Für 0 €
AHA Momente Newsletter
Über Carmen Reuter
Carmen Reuter ist Life- und Business-Coach in Karlsruhe und online. Sie begleitet Frauen ab 45 mit hoher Verantwortung — aus Justiz, öffentlichem Dienst, Klinik und Wirtschaft.
Seit über 35 Jahren arbeitet sie mit Menschen in fordernden Rollen: in der Justiz vom Amtsgericht bis zum Bundesgerichtshof, in Ministerien, Behörden und Unternehmen. Für das Justizministerium Baden-Württemberg ist sie z. B. seit 2018 jährlich im Einsatz. Sie ist mehrfach zertifizierte Coach, Wirtschaftsmediatorin IHK und zugelassene Heilpraktikerin. 2020 erschien ihr Buch „Komm mal runter von der Palme“.
Carmen Reuter bietet Einzel-Coachings, Coaching-Retreats, Online-Kurse sowie Vorträge und Workshops zu Burnout-Prävention, Stressmanagement und Selbstfürsorge an.
