TRÜFFELKISTE

Schweigen um des lieben Friedens willen - bringt nichts außer Frust und Ärger

Schweigen um des lieben Friedens willen

Schweigen um des lieben Friedens willen: Es gibt kaum schlechtere Strategien gegen Ärger

Ärger. Ein tolles Gefühl!

Wie, glauben Sie mir nicht? Der Anti-Ärger-Expertin?

Es ist tatsächlich die Wahrheit: Je länger ich auf meiner Forschungsreise rund um den Ärger unterwegs bin, desto mehr schätze ich diese Emotion.

 

Ein Beispiel? Gern. Ein guter Freund von uns saß – da Hochrisikopatient – über ein Jahr in freiwilliger Quarantäne. Allein, mit wenig Kontakten, obwohl er drei Kinder und eine Ex vorzuweisen hat.

Zwei der Kinder schneiden ihren Vater. Das dritte lebt verheiratet mit dem Enkelchen im Ausland und pflegt einen regelmäßigen Kontakt.

Traurig, oder? Oder vielleicht verdient?

Wie ich es sehe, nicht. Es gibt durchaus Familien, in denen der Kontaktabbruch ein gesundes Mittel zum Weiterleben ist. Doch hier? Unser Freund ist und war kein Familien-Tyrann, weder boshaft noch gemein.

Wenn „zu lieb sein“ das einzige Verbrechen ist

Das Verhalten der beiden erwachsenen Kinder, die mit ihrem Vater gebrochen und ihn aus ihrem Leben geschmissen haben, macht mich unglaublich zornig. Denn das einzige Verbrechen, dessen man den Vater beschuldigen kann:

  • er war zu lieb
  • zu nachgiebig
  • hat versucht, alle Wünsche zu erfüllen
  • und sich selbst im Laufe der Jahre immer weiter zurückgenommen.

Bis er im eigenen Haus – als sie noch zu viert zusammenlebten – nur noch einen Raum im Keller für sich nutzte.

Warum? Um des lieben Friedens willen.

Die schlimmste Angst wurde zur Realität

Familie und Gemeinschaft sind seine höchsten Werte. Um die Familienharmonie nicht zu gefährden, stellte er seine Bedürfnisse laufend zurück. Er sagte nicht Nein und wehrte sich auch nicht, wenn er angegriffen oder ihm etwas unterstellt wurde.

Das Ergebnis: Seine schlimmste Angst ist Realität geworden. Er ist allein.

Was geht respektlosem Verhalten voraus? Lieb zu sein, reicht nicht im zwischenmenschlichen Umgang. Freundlich zu sein erscheint weich(lich) und erzeugt keinen Respekt.

Spectare (lateinisch) bedeutet: betrachten, anschauen, ansehen und respectio: Rückschau, Einschätzung, Betrachtung. Wenn ich immer nachgebe, um einen Konflikt zu vermeiden, werde ich langsam aber sicher unsichtbar. Dann werde ich als nicht wichtig eingeschätzt.

Im Respekt steckt „re“, das bedeutet „wieder“. Wer also immer wieder über den Tisch gezogen, übergangen oder despektierlich behandelt wird, der könnte sich die Frage stellen:
Wo liegt mein Anteil daran? Wo geht es darum, dass ich wieder gesehen werde, wieder sichtbar werde?

Wut und Zorn geben Kraft zur Veränderung

Ernst genommen werden wir nur, wenn wir Rückgrat zeigen, auch einmal Nein sagen und „Stopp, bis hierher und nicht weiter!“ Damit zeige ich mich und kann gesehen werden.

Da hilft uns der Ärger, der uns darauf aufmerksam macht, dass hier etwas nicht stimmt für uns; da brauchen wir unsere Wut und unseren Zorn, die uns die Kraft geben, Veränderungen anzugehen und durchzuziehen. Das alles mit Augenmaß natürlich.

Schon die alten Griechen haben sich mit diesen hitzigen Gefühlen beschäftigt und dem Nutzen, den sie haben können. Eins meiner Lieblingszitate stammt von Aristoteles:

„Jeder kann wütend werden, das ist einfach. Aber wütend auf den Richtigen zu sein, im richtigen Maß, zur richtigen Zeit, zum richtigen Zweck und auf die richtige Art – das ist schwer.“

Das trainieren wir leider nicht in der Schule. Was meinen Sie: Sollte der gute Umgang mit Ärger nicht zum Schulfach werden?

 

Geschrieben von : Carmen Reuter

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