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Perfektionismus ablegen: Wann „Done is better than perfect“ gilt – und wann nicht


Aktualisiert:

08/07/2026

Erstellt:

22/03/2020

Lesedauer:

4 Min.

Den Satz „Done is better than perfect“ kennst du vermutlich. Die Einstellung „Erledigt ist besser als perfekt“ ist eine oft genannte Strategie, wenn es darum geht, den eigenen Perfektionismus abzulegen. Doch ist es genug, Dinge einfach „zu erledigen“? Bleibt da nicht die Qualität auf der Strecke? In diesem Beitrag findest du meine Gedanken dazu.

Warum Perfektionismus oft von außen verstärkt wird

Als genesende Perfektionistin stimme ich für eine große Anzahl an Tätigkeiten, die wir tagtäglich zu erledigen haben, dem Satz „Done is better than perfect“ zu. Es gibt es vieles, was wir im Sinne des Pareto-Prinzips erledigen können, mit ausreichend gutem Ergebnis: 20 % Energie bringen 80 % Ergebnis, lautet die Formel. Die restlichen 80 % Energie, die wir in eine Aufgabe stecken, bringen nur mehr 20 % Ergebnis.

Demnach sparen wir also jede Menge Energie, wenn wir es mit den 80 % Energie-Aufwand gut sein lassen. Reicht doch! Die Aufgabe ist erledigt, und weiter geht es mit den wichtigen Dingen.

Doch die Frage ist, ob unsere Gesellschaft diese gelassene Einstellung überhaupt zulässt? Denn leider hat sich in unserer Kultur eine stetig wachsende Erwartung von perfekter Leistung aufgebaut, selbst wenn es um Kleinigkeiten geht.

Zum Beispiel bei der Chefin, die noch den allerletzten Kommafehler im schriftlichen Vorgang mit schnippischen Bemerkungen moniert. Da ist nichts mit „Done is better than perfect“. Ihre Erwartung, dass Schriftstücke fehlerfrei sein müssen, bringt in der Folge den Mitarbeiter dazu, Unterlagen ab sofort nicht nur einmal, sondern mindestens dreimal zu lesen und zu überarbeiten.

Wie jeder Journalist und jede Autorin weiß, können dann trotzdem noch Fehler drinstecken. Korrekturlesen muss jemand, der den Text nicht geschrieben hat; die Autorin überliest eigene Fehler meistens. Nicht aus Blödheit, sondern weil unser Gehirn auf ganz bestimmte Art arbeitet.

Manche Autisten und neurodivergente Menschen besitzen die Fähigkeit, hervorragend und langandauernd seitenweise Programmiercodes auf Fehler prüfen zu können. Ihr Gehirn arbeitet tatsächlich eher wie der unbestechliche Computer.

Doch für die meisten von uns ist es schwierig, die eigenen Fehler in Texten zu erkennen. Unser menschliches Gehirn hat da seine Schwachpunkte, während es in anderen Bereichen glänzt.

Das bedeutet: Auch wenn sich der Mitarbeiter doppelt und dreifach anstrengt, um dem Wunsch der Chefin nach fehlerfreien Schriftstücken zu entsprechen, wird ihm das nur schwer gelingen. Noch dazu kostet es ihn ungemein viel Energie, diese Perfektion erreichen zu wollen.

Wann sich Perfektion lohnt – und wann nicht

Aber: Hat die Chefin nicht das Recht auf ein erstklassiges, fehlerfreies Schriftstück?

Hier gilt: Es hängt davon ab.

Ist es ein staatstragendes Schriftstück, welches über Krieg oder Frieden entscheidet? Ja? In diesem Fall ist Perfektionismus angesagt. Die Chefin sollte am besten einen Stab der besten Mitarbeiter dransetzen, die auch noch am letzten Buchstaben feilen!

Oder ist es eher ein schriftlich festgehaltener Vorgang, der nur abgeheftet wird? Dann gilt: „Done is better than perfect“. Vereinzelte Komma- und Rechtschreibfehler spielen nicht wirklich eine Rolle. Das sollte auch der Chefin klar sein.

Entscheide bewusst, wann Perfektion wirklich nötig ist!

Wie du im Beispiel aus dem vorigen Abschnitt siehst, brauchen wir 2 Dinge, um Perfektionismus ablegen zu können:

  • Eine gute Unterscheidungsfähigkeit, sodass wir Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden können.
  • Den Mut, zu einer Entscheidung zu stehen.

In unserem Beispiel braucht der Mitarbeiter Unterscheidungsfähigkeit, um erkennen zu können, welches Schriftstück wichtig ist und welches nicht.

Ebenso benötigt er Mut, um mit der Chefin – die vielleicht perfektionistisch veranlagt ist – zu klären, wie (un)wichtig die absolute Fehlerfreiheit des Briefs tatsächlich ist. Und um ihr klar aufzuzeigen, wie viel Zeit ihn das akribische Überprüfen eines Schriftstücks kostet. Zeit, die dann für andere, vielleicht wichtigere, Aufgaben fehlt.

Auch die Chefin braucht Unterscheidungsfähigkeit und Mut. Sie muss bestimmen, welche Aufgaben wirklich wichtig sind und perfekt erledigt werden müssen, und welche nicht. Und sie muss den Mut haben, Unperfektes zuzulassen. Nicht einfach – vor allem, wenn man perfektionistisch veranlagt ist!

Die eigentliche Ursache von Perfektionismus

Perfektionismus – wie in unserem Beispiel die Forderung nach absoluter Fehlerfreiheit im Schriftstück – erwächst häufig aus der Angst, einen Fehler zu machen und dafür getadelt zu werden. Perfektionismus ist ein (häufig unbewusstes) Überlebensprogramm, welches Versagensangst und das Gefühl der Beschämung verhindern soll.

Dieses Muster verhindert jedoch Kreativität und Innovation. Perfektionistisches Denken befördert den arbeitenden Menschen gleichsam zu einem Roboter, der fehlerfrei und ohne Ausruhen perfekt funktionieren muss.

Mehr dazu liest du in Schluss mit Perfektionismus und Versagensangst: Ursachen, Selbsttest, Tipps.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, möchte ich ergänzen: Perfektionismus ist nicht gleichzusetzen mit dem Streben nach hoher Qualität. Aber es gibt eine Grenze, ab der das gesunde Streben nach hoher Qualität zu einem ungesunden Perfektionismus wird.

Mein Fazit: „Gut genug“ ist oft wirklich gut genug!

Solltest du glauben, mein Beispiel wäre an den Haaren herbeigezogen und in der Berufswelt wäre doch schon eine viel gelassener Umgang mit Fehlern angekommen, dann irrst du dich. Da höre ich ganz andere Geschichten!

In meinen Coachings erlebe ich immer wieder, wie sehr Menschen unter dem eigenen perfektionistischen Anspruch an sich selbst leiden. Auf Dauer belasten der hohe Anspruch und das Streben nach Perfektion die Psyche und den Körper.

Deshalb: Wenn’s nicht wirklich wichtig ist, dann sei bitte gelassener mit dir und den Ansprüchen an dich selbst. „Done is better than perfect“ ist oft genau richtig.

Und glaub mir: Den Perfektionismus abzulegen und hinter dir zu lassen, wird deine Lebensqualität ungemein verbessern. Als genesende Perfektionistin weiß ich das aus eigener Erfahrung!

Häufige Fragen zum Thema „Perfektionismus ablegen“

Gilt „Done is better than perfect“ für alle Aufgaben?

Nein! Es braucht Unterscheidungsfähigkeit: Überlege dir, welche Aufgabe wirklich höchste Präzision erfordert, und welche mit weniger Aufwand bereits gut erledigt ist.
Wenn du bewusst entscheidest, wann Perfektion nötig ist und wann nicht, sparst du enorme Energie, ohne an echter Qualität einzubüßen.

Was ist der Unterschied zwischen Perfektionismus und dem Streben nach hoher Qualität?

Eine Person, die hohe Qualität anstrebt, möchte gute Arbeit leisten. Jemand, der perfektionistisch denkt, verbindet hingegen Fehler mit dem eigenen Wert: Aus „Das war nicht gut genug“ wird „Ich bin nicht gut genug“.

Wie erkenne ich, dass mein Perfektionismus meine Gesundheit belastet?

Wenn du nach der Arbeit nicht abschalten kannst, Erledigtes immer wieder kontrollierst, das Gefühl hast, nie wirklich fertig zu sein und die Erschöpfung zunimmt, können das Anzeichen dafür sein, dass dein Perfektionismus deiner Gesundheit schadet.

Was ist der erste konkrete Schritt, um Perfektionismus zu überwinden?

Fang mit einer einzigen Frage an: „Wäre ich als Mensch weniger wert, wenn diese Aufgabe nicht perfekt wäre?“
Wenn deine ehrliche Antwort irgendwo bei „Ja“ liegt, liegt der Ursprung deines Perfektionismus vermutlich in der Verknüpfung zwischen Leistung und Selbstwert. In diesem Fall ist der erste konkrete Schritt, dass du diesen Gedanken bewusst hinterfragst. Immer wieder.

Du möchtest deinen Perfektionismus ablegen und hättest gerne Unterstützung?

Hier sind meine Angebote zum Thema Perfektionismus:

Melde dich gerne bei mir. Ich freue mich auf deine Anfrage!

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Über Carmen Reuter

Carmen Reuter ist Life- und Business-Coach in Karlsruhe und online für Frauen ab 45 mit hoher Verantwortung, insbesondere in Justiz, öffentlichem Dienst, Klinik und Wirtschaft.

Als mehrfach zertifizierte Coach, Heilpraktikerin und Wirtschaftsmediator (IHK) begleitet sie seit über 35 Jahren Menschen in herausfordernden Rollen und mit hoher Verantwortung, insbesondere aus Justiz (vom Amtsgericht bis zum Bundesgerichtshof), öffentlichem Dienst, Ministerien und Unternehmen. Sie ist Autorin eines Anti-Ärger-Buches.

Carmen Reuter bietet Einzel-Coachings, Coaching-Retreats, Online-Kurse sowie Vorträge und Workshops zu Burnout-Prävention, Stressmanagement und Selfcare an.

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