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Woran erkenne ich einen stillen Burnout?


Aktualisiert:

11/09/2026

Erstellt:

02/09/2026

Lesedauer:

8 Min.

Frau, die einen Spagat über einen Abgrund macht, zwischen Arbeit und Privatleben.

Woran erkenne ich einen stillen Burnout?
Daran, dass du nicht zusammenbrichst. Genau das ist das Problem.

Die kurze Antwort

  • Ein Burnout im klassischen Sinn endet im Zusammenbruch. Bei dem, was viele „stillen Burnout“ nennen, passiert genau das nicht — und deshalb wird er jahrelang übersehen.
  • Der Fachbegriff dafür lautet Burn-On. Beschrieben haben ihn Bert te Wildt, Chefarzt der Psychosomatischen Klinik Kloster Dießen am Ammersee, und der leitende Psychologe Timo Schiele in ihrem Buch „Burn On. Immer kurz vorm Burn Out“ (Droemer Knaur 2021).
  • Kennzeichen: hohes Leid, aber kein Leistungs-Einbruch. Der Zustand wird oft jahrelang ausgehalten und mutiert zum normalen Lebensgefühl. Es wird jedoch immer anstrengender die Leistung zu bringen.
  • Ein Gedanke, an dem du es erkennst: „Es ist ja sonst keiner da, der es macht.“
  • Betroffen sind überdurchschnittlich Frauen zwischen 45 und 55 mit hoher Arbeitsethik — bei Frauen dieser Altersgruppe liegen die Burnout-Fehltage rund 60 Prozent über denen der Männer (AOK/WIdO, Datenjahr 2024).

Der Balanceakt, der keiner mehr ist

In den vergangenen Monaten habe ich Menschen interviewt — meist Frauen —, die ich als Gerne- und Vielleisterinnen bezeichne. Menschen, die versuchen, die Balance zwischen den Anforderungen ihres Berufslebens und den Herausforderungen im Privatleben gut hinzubekommen.

Was ich bei den meisten sah: Der Balanceakt ähnelte eher einem Spagat über einem Abgrund.

Und das Bemerkenswerte daran: Von außen sieht man es kaum. Die Arbeit wird gemacht. Die Kinder werden versorgt. Die Mutter bekommt ihren Anruf. Es funktioniert – du funktionierst.

Genau das ist der Punkt.

Burn-On: wenn Erschöpfung zum Normalzustand wird

Bert te Wildt und Timo Schiele haben für diesen Zustand einen eigenen Begriff geprägt: Burn-On.

Ihre Beobachtung aus der Klinik: Es gibt eine wachsende Gruppe von Menschen mit hohem Leidensdruck, bei denen es trotzdem nicht zum vollständigen Zusammenbruch kommt. Stattdessen treten ernste psychische und körperliche Folgen auf — nur eben schleichend, über Jahre.

Das Tückische ist die Gewöhnung. Der Zustand wird ausgehalten, bis er sich normal anfühlt. Innerlich klingt das dann so:

„Es ist ja sonst keiner da, der es macht. Ich muss halt.“

Total normal. Und keine andere Wahl.

Woran du es bei dir bemerkst

Ich stelle hier ausdrücklich keine Diagnose. Was ich aufliste, sind Muster, die mir in meiner Coachingpraxis und in Trainings immer wieder begegnen.

Im Kopf:

  • Du nimmst dir regelmäßig vor, besser auf dich zu achten. Doch dann kommt wieder irgendetwas dazwischen.
  • Du bemerkst deine eigenen Symptome — und ignorierst sie, um weiter zu funktionieren.
  • Erfolge fühlen sich nicht wie Erfolge an, sondern wie selbstverständlich und werden innerlich als erledigt abgehakt.

Im Körper:

  • Du wachst nachts auf, und der Kopf rast weiter und lässt sich nicht abschalten.
  • Kopfschmerzen, Rücken, Magen — der Hausarzt findet nichts Auffälliges.
  • Du bist müde und weißt nicht, ob es körperlich oder seelisch ist.

Im Verhalten:

  • Pausen überspringst du, um der Menge der Arbeit gerecht zu werden.
  • Hobbys sind irgendwann verschwunden, weil sie sich nur nach „noch-ein-to-do“ anfühlen.
  • Am Wochenende arbeitest du vor — damit die Woche zu schaffen ist.

Das ist der Punkt, an dem es unsichtbar bleibt:

Die Arbeit wird noch geschafft. Andere bemerken keine Leistungseinbrüche. Nach außen funktioniert alles.

Doch all die schönen Dinge, die Kraft bringen können, die fallen nach und nach weg. Familiäre Erlebnisse (Geburtstage, Feiern) werden nur noch wie eine neue Aufgabe gesehen.

Das ist das wahre Problem. Nicht die Leistung sinkt — das Leben verschwindet.

Eine Frau beschreibt es in einem Forum so: „… die ich aber immer so gut es ging wegignoriert habe, um weiter zu ‚funktionieren‘ (ihr kennt das Spiel) … fühle mich getrieben und wie eine Versagerin.“

Achte auf die Anführungszeichen um „funktionieren“. Die setzt sie selbst. Sie weiß, dass das Wort etwas verrät.

Und eine andere: „Es ist verrückt, dass ich irgendwie trotzdem einfach immer weiter laufe, obwohl alles in mir Stopp schreit.“

Was die Zahlen sagen

Diese Erschöpfung ist kein persönliches Versagen. Sie ist in Deutschland statistisch messbar — und sie trifft Frauen in der Lebensmitte am härtesten.

KennzahlFrauenMännerQuelle
Fehltage wegen psychischer Störungen (je 100 Versicherungsjahre, 2025)477299TK-Gesundheitsreport 2026
Burnout-Fehltage 50–54 Jahre (je 1.000 Mitglieder, 2024)246151AOK/WIdO Fehlzeiten-Report 2025
Krankenstand 50–54 Jahre (2025)6,57 %5,18 %TK-Gesundheitsreport 2026
Drei und mehr psychosomatische Beschwerden (Vollzeit)53 %35 %BAuA, Arbeitswelt im Wandel 2025

Zwei Zahlen dazu, die ich besonders wichtig finde:

Bei Frauen sind psychische Störungen seit 2025 die Diagnosegruppe mit den meisten Fehltagen überhaupt. Bei Männern liegen sie auf Rang 2. (TK-Gesundheitsreport 2026)

Burnout-Fehltage insgesamt sind gegenüber 2015 um 83 Prozent gestiegen. (AOK/WIdO, Datenjahr 2024)

Mental Load

Es gibt einen Grund, warum die Zahlen bei Frauen so viel höher liegen. Und er hat mit der Arbeit im Job nur zur Hälfte zu tun.

Frauen tragen überwiegend die unsichtbare mentale Belastung und Verantwortung, ständig an alle organisatorischen, vorausschauenden und alltäglichen Aufgaben im Haushalt, in der Familie oder im Beruf denken und diese koordinieren zu müssen.
Das beinhaltet:

  • Die unsichtbare Denkarbeit: den gesamten Prozess zu planen, Bedürfnisse vorauszusehen und den Überblick zu behalten
  • Der Kopf rattert unablässig: die To-Do-Liste im Gehirn läuft permanent im Hintergrund weiter
  • Gesellschaftliche Verteilung: vor allem Frauen tragen in Familien oft den Hauptanteil dieser Verantwortung, was zu einer ungleichen Verteilung der Sorgearbeit (Care-Arbeit) führt
  • Das Gefühl der Überforderung: das ständige Empfinden, weder dem Job, der Familie noch den eigenen Bedürfnissen gerecht zu werden

Und genau hier schließt sich der Kreis zum Burn-On: Mental Load produziert keine Fehltage. Er produziert auch keine sichtbare Überlastung. Er sorgt nur dafür, dass der Feierabend keiner ist.

Wie groß dieser Anteil ist, zeigen die Zahlen zur Pflege: 60,4 Prozent der pflegenden Angehörigen in Deutschland sind Frauen — unter den hochbelasteten sind es sogar 66,5 Prozent. Fast die Hälfte der erwerbstätigen Pflegenden gilt als hochbelastet. (WIdOmonitor 1/2026, Erhebung Herbst 2025)
Das ist die Doppelbelastung, die in keiner Personalstatistik auftaucht — und die den Unterschied zwischen den Geschlechtern in den Krankenkassendaten am besten erklärt.

Warum es ausgerechnet die Zuverlässigsten trifft

Ich treffe als Trainerin und Coach in meinen Hauptarbeitsfeldern Justiz, Klinik und Verwaltung in der Regel auf Menschen wie dich: hohe Arbeitsethik, Verantwortungsbewusstsein und Kollegialität.
Menschen, die erkennen, was notwendig ist, und sich reinhängen, weil sie die Not sehen und etwas daran ändern wollen.
Dass diese Beobachtung kein Zufall ist, zeigt der DAK-Psychreport 2025: In Nordrhein-Westfalen liegt die öffentliche Verwaltung mit 455 Fehltagen je 100 Beschäftigte auf Rang 2 aller Branchen — direkt hinter dem Gesundheitswesen.
Anders gesagt: Es sind genau die Bereiche, in denen Menschen arbeiten, die nicht einfach gehen, wenn es eng wird.

Ich ziehe meinen Hut vor dir, wenn du zu dieser Gruppe gehörst.
Und gleichzeitig tut es mir im Herzen weh, wenn die Auswirkungen von außen immer deutlicher zu erkennen sind.

Die Sauerstoffmaske

Wenn du das weiterhin leisten willst, dann ist die erste Aufgabe für dich: Kümmere dich um dich selbst.

So wie im Flugzeug die Anweisung immer lautet: „Nimm dir bei Druckabfall als erstes die Sauerstoffmaske und erst danach kümmere dich um Menschen, die das nicht alleine schaffen.“

Niemand hält das für egoistisch. Es ist schlicht die einzige Reihenfolge, die funktioniert.
Wenn du dich immer hinten anstellst, geht das irgendwann kolossal schief.

Ein Klient aus dem Verwaltungsteam einer großen Justizbehörde in Karlsruhe hat mir nach unserer Zusammenarbeit geschrieben: „Ich erkannte allmählich, welche Bereiche ich mir aus einer Schutzfunktion heraus über die vielen Jahre hinweg selbst abgeschnitten hatte und warum ich dies getan hatte. Ich erkannte nun auch den hiermit verbundenen Qualitätsverlust für mein Leben.“

Wann Coaching nicht reicht

Das ist mir wichtig, und ich sage es lieber zu deutlich als zu leise.
Ich arbeite heutzutage als Coach — auch wenn ich (seit 1987) Heilpraktikerin bin und im Gesundheitsbereich arbeiten darf.

Ich begleite Frauen in frühen Stadien von Erschöpfung — dort, wo noch Selbstwirksamkeit da ist. Wo du noch etwas selbst in die Hand nehmen kannst, auch wenn es sich schwer anfühlt.
Coaching ist der richtige Weg, wenn du dich zwar durchschleppst, aber noch handlungsfähig bist. Wenn du merkst: Ich will etwas verändern, ich weiß nur nicht, wie ich drankomme.
Da kann ich dich auch bei körperlichen Symptomen unterstützen.

Coaching ist NICHT der richtige Weg, wenn du gar nichts mehr selbst bewegen kannst. Wenn du morgens nicht mehr aufstehst. Wenn du seit Wochen nicht mehr schläfst. Wenn dich nichts mehr freut. Wenn du Gedanken hast, dir selbst etwas anzutun.

Dann gehörst du in ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung — und zwar zuerst. Bitte geh zu deiner Hausärztin. Sie ist der richtige erste Schritt, auch wenn Therapieplätze schwer zu bekommen sind.

Und wenn es akut ist, brauchst du nicht bis zum nächsten Termin zu warten. Diese Stellen sind rund um die Uhr erreichbar, kostenfrei und anonym:

  • Deutschland: Telefonseelsorge — 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123
  • Österreich: Telefonseelsorge — 142
  • Schweiz: Die Dargebotene Hand — 143
  • Bei akuter Gefahr: Notruf 112

Wenn dir Anrufen zu viel ist: Die Telefonseelsorge berät auch per Chat und Mail über telefonseelsorge.de — ebenfalls anonym. Für viele Frauen, die es gewohnt sind zu funktionieren, ist das die niedrigere Schwelle.

Coaching ist kein Ersatz für ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung. Und ich stelle keine Diagnosen — auch nicht in diesem Artikel.
Das Burn-On-Konzept von te Wildt und Schiele stammt aus einer psychosomatischen Klinik. Wenn du dich darin sehr wiedererkennst, ist das ein Grund, ärztlichen Rat zu suchen, und nicht nur ein Grund, ein Coaching zu buchen.

Prüfe mal

Wenn du bis hierher gelesen hast, dann lass uns kurz innehalten. Ich habe eine Frage an dich:

Wie oft nimmst du dir vor, besser auf dich zu achten — und dann kommt wieder irgendetwas oder irgendjemand dazwischen?

Nicht theoretisch. Denk an die letzten vier Wochen.
Wenn dir dazu mehr als zwei Situationen einfallen, ist das kein Zufall. Und auch keine Disziplinfrage.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Burnout und Burn-On?

Beim Burnout kommt es zum Zusammenbruch — irgendwann geht nichts mehr. Beim Burn-On beschreiben te Wildt und Schiele einen Zustand mit hohem Leidensdruck, bei dem der Zusammenbruch ausbleibt. Man funktioniert weiter, oft über Jahre. Genau deshalb wird er so lange übersehen.

Was ist ein stiller Burnout?

„Stiller Burnout“ ist kein medizinischer Fachbegriff, sondern eine alltagssprachliche Beschreibung für dasselbe Phänomen: Erschöpfung, die nach außen unsichtbar bleibt, weil die Leistung weiterhin erbracht wird. Der fachliche Begriff dafür ist Burn-On.

Wie merke ich, dass ich zu viel arbeite?

Ein verlässlicher Hinweis sind die Pausen: Werden sie regelmäßig übersprungen, um der Menge der Arbeit gerecht zu werden? Ein zweiter ist der Körper — Schlaf, Kopfschmerzen, Verspannungen. Und ein dritter: Erfolge fühlen sich nicht mehr wie Erfolge an, sondern werden nur abgehakt.

Wichtig: Die Arbeit wird noch geschafft — andere bemerken keine Leistungseinbrüche. Doch all die schönen Dinge, die Kraft bringen können, die fallen nach und nach weg. Familiäre Erlebnisse werden nur noch wie eine neue Aufgabe gesehen.

Was hat Mental Load mit Burnout zu tun?

Mental Load ist die unsichtbare Denkarbeit: planen, vorausdenken, den Überblick behalten, koordinieren. Sie erzeugt keine Fehltage und keine sichtbare Überlastung — sie sorgt nur dafür, dass der Feierabend keiner ist. Genau deshalb passt sie zum Burn-On: Beides bleibt unter der Wahrnehmungsschwelle, solange die Leistung stimmt.

Sind Frauen häufiger betroffen als Männer?

Nach den Krankenkassendaten ja, deutlich. Bei den 50- bis 54-jährigen Frauen liegen die Burnout-Fehltage rund 60 Prozent über denen gleichaltriger Männer (AOK/WIdO, Datenjahr 2024). Bei Frauen sind psychische Störungen inzwischen die Diagnosegruppe mit den meisten Fehltagen überhaupt (TK-Gesundheitsreport 2026).

Ist Burn-On eine anerkannte Diagnose?

Nein. Burn-On ist ein Konzept, das te Wildt und Schiele aus ihrer klinischen Arbeit beschrieben haben — kein Eintrag in der internationalen Diagnoseklassifikation. Es ist ein hilfreicher Begriff für ein reales Phänomen, aber keine Diagnose, die du dir selbst stellen kannst oder solltest.

Hilft Coaching bei Burnout?

Bei früher Erschöpfung, solange Selbstwirksamkeit vorhanden ist: ja. Bei einem voll ausgeprägten Burnout mit Therapieindikation: nein. Dann ist ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung der erste Schritt. Die Unterscheidung steht oben unter „Wann Coaching nicht reicht“.

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Ich bin Carmen Reuter, Coach für leistungsstarke Frauen 45+ aus Justiz, Verwaltung, Klinik und Wirtschaft. Seit über 35 Jahren arbeite ich mit Frauen, die von außen aussehen, als hätten sie alles im Griff — ich nenne sie Gerne- und Viel-Leisterinnen. Nur mit der Zeit laugt das aus. Jahrelang arbeitete ich selbst verbissen; die Migräne zog mir immer wieder mal den Stecker.

Einsatz von KI:
Meine Texte schreibe ich selbst. KI nutze ich als Werkzeug für Recherche, Korrektur und sprachlichen Feinschliff – die Gedanken, die Haltung und die Erfahrung dahinter sind meine eigenen.

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Über Carmen Reuter

Carmen Reuter ist Life- und Business-Coach in Karlsruhe und online. Sie begleitet Frauen ab 45 mit hoher Verantwortung — aus Justiz, öffentlichem Dienst, Klinik und Wirtschaft.

Seit über 35 Jahren arbeitet sie mit Menschen in fordernden Rollen: in der Justiz vom Amtsgericht bis zum Bundesgerichtshof, in Ministerien, Behörden und Unternehmen. Für das Justizministerium Baden-Württemberg ist sie z. B. seit 2018 jährlich im Einsatz. Sie ist mehrfach zertifizierte Coach, Wirtschaftsmediatorin IHK und zugelassene Heilpraktikerin. 2020 erschien ihr Buch „Komm mal runter von der Palme“.

Carmen Reuter bietet Einzel-Coachings, Coaching-Retreats, Online-Kurse sowie Vorträge und Workshops zu Burnout-Prävention, Stressmanagement und Selbstfürsorge an.

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