BLOG

Das Diktat des Perfekt-sein-Müssens

Carmen Reuter - Perfektionsfalle - Diktat des Perfekten

Das Diktat des Perfekt-sein-Müssens

Der Friseur hat noch geschlossen, die Frisur gerät außer Rand und Band, wir tragen Gesichtsmasken, wenn wir außer Haus gehen und Jogginghosen, wenn wir im Home-Office arbeiten. Wie fühlen Sie sich damit? Ein wenig erleichtert?

Wir wenden in unserer Kultur unglaublich viel Zeit, Geld und Energie auf, um nach außen ein perfektes Bild abzugeben.

 Wir vernachlässigen Lebensfreude unter dem Diktat schlank zu sein. Als ob das Körpergewicht die ultimative Aussage sowohl über den Gesundheits-wie auch den Geisteszustand sei. In den letzten Jahren habe ich im Coaching immer wieder Aussagen gehört, die mich ungläubig und erstaunt zurückließen. Da sagte eine in ihrem Beruf äußerst erfolgreiche Frau, als ich sie nach Erfolgen fragte nach einer langen Pause: „ Dass ich an meinem 50. Geburtstag wieder 50 Kilo wog.“ Oder eine Andere: „Ich gehe immer hungrig ins Bett.“

Wie bitte?

Wir arbeiten bis zum Umfallen und hetzen uns in den Burnout.

Wir beschäftigen uns permanent mit Äußerlichkeiten, eben weil sie sichtbar sind. Wie es immer schon dazu gehörte, dass bewertet und vermessen wurde. Früher im Hinblick auf den sozialen Stand, heute...?
Heute gilt: zeige dich! Doch diese Sichtbarkeit lädt wieder zu Kritik ein und weil wir uns vor dieser fürchten, legen wir noch mehr Energie in die Sysiphos-Aufgabe perfekt zu sein. Nicht nur im Aussehen, sondern bei allem was wir tun. Und werden dabei unglücklich und krank.
Wir zeigen der Welt in all den Bildern in den sozialen Medien unser perfektes Leben, immer lächelnd, immer aufgeräumt. Und verstecken - auch vor uns selbst - unsere Menschlichkeit.
Als ich anfing Vorträge zu halten, wollte ich es auch richtig und perfekt machen. Doch, ich blieb hängen oder verlor den roten Faden oder die Technik klappte nicht. Wurde ich dafür vom Publikum abgestraft? Nein, denn shit happens, allezeit und immer wieder und das machte mich menschlich, nahbar. Für mich eine Riesenerfahrung als genesende Perfektionistin. Das Streben nach Qualität: wunderbar. Der perfektionistische Versuch alles richtig zu machen? Ein Irrweg, der Leid erzeugt.

Der, die, das Perfekte wird zwar bewundert – aber, nicht geliebt!

Jetzt im Moment mit dieser unvorstellbaren weltweiten Krise könnten wir uns fragen: Wie soll es weitergehen? Wie wollen wir leben? Weiter nur nach Äußerlichkeiten schauen? „Das Design bestimmt das Bewusstsein“, wie der Kabarettist Matthias Deutschmann schon vor Jahren sagte.

Gestatten wir uns, unsere Menschlichkeit zu zeigen: „Wie geht es dir?“ „Nicht gut, im Moment treiben mich viele Ängste um…“ Können wir lernen ehrlicher zu sein? Die soziale Maske des „Klar, geht es mir gut“ ab und an zu lüften?

Ich las gerade von den strengen Anstandsregeln im viktorianischen England, wo eine Lady nur als Lady galt, wenn Sie Ihre negativen Gefühle sorgfältig verbergen konnte. Wir schütteln den Kopf über die körperliche Prüderie, die im viktorianischen England herrschte. Doch wie prüde sind wir bei Emotionen wie zum Beispiel Scham und Verletzlichkeit? Brenè Brown, Sozialwissenschaftlerin und Professorin an der University of Houston, hat zu diesen Themen weitreichende Forschungen angestellt und kommt zum Ergebnis: Um unser Leben aus ganzem Herzen leben zu können, müssen wir lernen, unsere Verletzlichkeit, unsere negativen Gefühle und unser unperfektes Menschsein zu umarmen. Manchmal brauchen wir dazu Hilfe, einen uns zugewandten Menschen aus dem Freundeskreis oder der Familie. Manchmal auch einen Profi wie einen Coach oder Therapeuten.
Verändern wir unser Leben nach dem Motto: WERDE NICHT PERFEKT, WERDE WESENTLICH!

#perfektionsfalle #veränderungwagen

 

Geschrieben von : Carmen Reuter