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Kennen Sie auch solche Regeln?

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Mach es richtig oder gar nicht!

In meiner Familie gab es diese (unausgesprochene) Regel. Definitiv eine Regel, die zu Erfolg führt. Jedoch gleichzeitig ein Leitsatz, der ganz schön Druck erzeugt. Und der einen gewaltigen Haken hat: Was machen Sie in dem Moment, wenn Sie etwas Neues vor sich haben, bei dem Sie (noch) nicht wissen, was richtig ist?

Mir wurde das bewusst, als ich auf meiner ersten Fortbildung in den USA war. Irgendwann im Laufe des ersten chaotischen Tages - es hatte einen Notfall gegeben mit Einschaltung der Polizei - bemerkte ich, dass ich mich total rigide verhielt. Ich war sehr angespannt und kurz angebunden, so gar nicht mein übliches Selbst im Rahmen einer tollen Weiterbildung. Plötzlich erkannte ich, dass es daran lag, dass ich einfach nicht wusste, was richtig war. Völlig ungewohntes Spielfeld mit unbekannten Regeln. Und ich wollte mich doch richtig verhalten, einen guten Eindruck machen. In diesem Moment der Selbstreflexion erkannte ich, dass "richtig" immer etwas ist, was von außen bestimmt wird und eine Bewertung beinhaltet. Und daher auch die Möglichkeit von "nicht-geschafft" (oje), Fehler, Versagen (O Gott, o Gott) beinhaltet.  So will ich doch nicht wahrgenommen werden. Das wäre zu peinlich."

Bis zu diesem Moment reagierte ich auf neue Situationen absolut automatisch: "Mach bloß keinen Fehler! Verhalte dich richtig! Sei perfekt!" Was auch immer das heißt. Fehlerlosigkeit und Vollkommenheit sind ein unerreichbares Ziel und verleugnen die eigene Menschlichkeit.
An diesem Tag gelang mir jedoch zum ersten Mal bewusst ein Ausweg aus meiner Perfektionismus- Falle. Ich überarbeitete meine Regel und fragte mich, was ich denn wirklich will.

Wahr ist: ich mache es gerne richtig. Aber mehr im Sinn von: Ich hänge mich mit voller Kraft und Begeisterung in alles rein, was mir wichtig ist. Gebe mein Bestes, immer dann, wenn ich etwas für sinnvoll erachte. Und so kam ich auf eine neue Regel für mich und ersetzte die Alte durch: "Ich mache es mit ganzem Herzen und ganzem Hirn."

Hilft mir seit damals enorm, denn mit dieser Formulierung liegt die Bewertungshoheit wieder und ausschließlich bei mir. Ich entscheide, wann gut "gut-genug" ist und lege meinen eigenen Qualitätsmaßstab an. Denn, Perfektionismus ist nicht dasselbe wie das Bemühen, sein Bestes zu geben.

Welche Regeln sollten bei Ihnen auf den Prüfstand und entweder überarbeitet werden oder ab in die Tonne? Als Maßstab gilt: Gute Regeln leiten, Schlechte zwingen.

Übrigens: es könnte sein, dass auch meine neue Regel irgendwann einmal nicht mehr trägt und dann wieder überarbeitet werden muss. Also ab und an zum Regel-TÜV und checken ob diese Sätze, die wir glauben, uns noch in guter Weise unterstützen. Viel Spaß beim Überprüfen

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Geschrieben von : Carmen Reuter